Reportage Im Schattenreich der Krake

Die Frage drängt sich auf, warum er sich das alles antut, dieser junge Jurist mit dem apricotfarbenen Hemd und dem grünen Tweedsakko. Die Antwort liegt vielleicht in der Familiengeschichte. "Seit 1840 sind wir Magistrati", sagt er, eine Familie hoher Justizbeamter also. So habe sein Vater in Neapel ein Leben lang die Camorra bekämpft.

Kein Kino, kein Sportplatz, kein Jugendclub

Auch er selbst könne sich keine interessantere Arbeit vorstellen als den Kampf gegen die Mafia. "Die Leute, die sich da engagieren, machen das total. Sie widmen ihr Leben dafür." Natürlich macht sich De Magistris keine Illusionen über die Aussichten in diesem Krieg. Doch er meint: "Wir müssen Hoffnung geben und das Signal setzen: Der Staat existiert."

Auch solche Signale können in der Schattenwelt Kalabriens freilich kontraproduktiv wirken. Das gilt besonders für Plati. "Der Staat zeigt sich hier stets in Gestalt der Repression", sagt Don Emanuele. Etwa 70 Familien hätten einen Vater, Bruder oder Schwager im Gefängnis.

Auf der anderen Seite gäbe es kein Kino, keinen Sportplatz, keine Turnhalle, keinen Jugendclub. Den Jugendlichen bliebe nichts als die Straße. "Vertrauen in den Staat kann so nicht entstehen."

Am fatalsten dürfte die Aktion "Marine" gewirkt haben: In der Nacht des 13. November 2003 stürmten tausend Carabinieri den Ort, rissen die Leute aus dem Schlaf, sprengten Türen, durchkämmten Häuser, entdeckten geheime Gänge, die von den Wohnungen zu unterirdischen Bachläufen führten und nahmen 131 Menschen fest.

131 Menschen bei einer Bevölkerung von 2800, das wäre so, als würden in Rom auf einen Schlag mehr als 100.000 Leute ins Gefängnis wandern. Plati war paralysiert, und die Stimme von Francesco Mittiga, dem Bürgermeister, bebt noch heute vor Empörung, wenn er davon erzählt.

Die Operationen des Arztes

Der kleine Mann mit dem Schnurrbart und den kurzen weißen Haaren hat an diesem stürmischen Winterabend nicht mehr mit Besuchern gerechnet. Er entschuldigt sich für seinen Trainingsanzug und bittet ins Kaminzimmer des stattlichen Hauses.

Francesco Mittiga ist eine Institution in Plati. Seit Jahrzehnten ist er der Arzt des Orts. Er habe alle behandelt, ob Mafiosi oder nicht, sagte er einmal. Doch die Justiz argwöhnt, sein Wohlstand stamme aus anderen Operationen.

Bei der Operation "Marine" wurde auch er festgenommen. Doch schon kurz darauf, erzählt er, seien sie alle auf freien Fuß gesetzt worden. "Wenn ich der große Mafiaboss von Plati bin, warum haben sie mich dann freigelassen?", fragt er.

Dann schiebt er den Ärmel seiner Jacke hoch und entblößt eine goldene Uhr. "Darf ich als Arzt keine solche Uhr tragen? Und kein gutes Auto fahren?" Der Staat und die Medien hätten ihn und sein Dorf ständig vorverurteilt.

Doch Mittiga ist zu intelligent, um Plati als Dorf der Saubermänner hinzustellen. "Es ist nicht zu leugnen, dass es hier mehr Verbrechen gibt als anderswo", bekennt er und schimpft: "Die Eltern erziehen die Kinder nicht."

Die Frage, ob das daran liege, dass viele Väter im Kerker säßen, wischt er beiseite: "Wenn sie draußen wären, wäre es schlimmer. Dann hätten die Kinder auch noch ein schlechtes Vorbild." Hauptschuld an der Misere trage der Staat, weil er kein Interesse an einer Entwicklung Platis habe.

"Die Politiker wollen uns wie zu Zeiten der Bourbonen-Herrschaft unten halten. Denn wenn wir wachsen, können die nicht mehr mit uns umspringen, wie sie wollen." Dann bricht es aus ihm heraus: "Wir Italiener sind Individualisten: Wenn ich eine Milliarde für Infrastruktur bekomme, gebe ich 100 Millionen dafür aus und stecke den Rest in die Tasche. Ein Gemeinschaftssinn existiert nicht. Uns interessiert nur das eigene Haus."

"Bringt uns doch alle um"

Diese Philosophie gilt jedoch nicht mehr unbestritten. Selbst in Kalabrien, dieser archaischen und ärmsten Region des Landes, blüht Bürgersinn auf. Schuld daran ist ein Mafiamord.

Am 16.Oktober wurde Francesco Fortugno, der Vizepräsident des Regionalparlaments, in Locri am helllichten Tag in aller Öffentlichkeit erschossen. Die 'Ndrangheta demonstrierte: Wir haben das Gewaltmonopol - der Staat sind wir. Doch dieser Mord blieb nicht ohne Folgen. Die Jugend Kalabriens, Schüler und Studenten, begehrte gegen die Bosse auf. In den Straßen der Mafia-Orte demonstriert sie seitdem mit Banderolen, auf denen steht: "Ammazzateci tutti!" - "Bringt uns doch alle um!"

Einer dieser Aktivisten ist Giuseppe Ritorto. Der Student mit dem kurzen schwarzen Backenbart und den feurigen Jesus-Augen arbeitet für die Anti-Mafia-Organisation Libera.

Er ist erst 30 Jahre alt, doch er spricht über die 'Ndrangheta, als habe er sie ein Leben lang studiert. Ritorto kommt aus dieser Gegend, aus der Provinz Locri, zu der auch Plati gehört. Er ist mit dem Verbrechen aufgewachsen.

"Die 'Ndrangheta hat die totale Kontrolle über dieses Gebiet", sagt er. "Doch anders als die Mafia in Sizilien wird sie kaum wahrgenommen. Kalabrien ist das schwarze Loch Italiens. Bei uns ist ein Mord nichts Außergewöhnliches, sondern das Normale. Er gehört zum Leben."

Dabei bedrohe die 'Ndrangheta nicht nur Italien, sondern ganz Europa, sagt Ritorto. "In Deutschland etwa kauft sie ganze Stadtviertel auf." Ihre Stärke aber beziehe sie aus der Verwurzelung in Kalabrien. Ihre Bosse agierten global und lebten lokal in trostlosen Nestern wie Plati. Früher habe man gedacht, diese Ortsverbundenheit sei eine Schwäche der 'Ndrangheta. Heute erkenne man, dass darin ihre Stärke liegt.

"Die Anführer reisen durch die Welt und kehren doch stets hierher zurück. Ohne diese Basis würde die 'Ndrangheta verschwinden. Ihr Herz und ihr Hirn sind hier. Von Dörfern wie Plati aus kontrollieren sie ihre Unternehmen auf der ganzen Erde."

Menschen wie der Bürgerrechtler Ritorto, der Staatsanwalt De Magistris und der Missionar Maggioni riskieren ihr Leben, um die Krake zu bekämpfen und Kalabrien eine Zukunft zu schenken. Dennoch wirken sie wie auf verlorenem Posten. "In Afrika war der Boden fruchtbar", sagt der Pater von Plati. "Hier aber säe ich und säe ich - doch eine Ernte ist kaum zu erkennen."