RAF-Debatte Buback: Gnade für Klar

Der Sohn des Generalbundesanwalts Siegfried Buback, der 1977 von der RAF ermordet wurde, plädiert in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung für die Begnadigung des Ex-Terroristen: Neue Informationen deuteten darauf hin, dass Klar nicht der Mörder seines Vaters war.

Von Michael Buback

Wenn ich danach gefragt wurde, habe ich zu erklären versucht, wie wichtig es für die Angehörigen ist zu wissen, wer am Gründonnerstag 1977 die beiden Personen auf dem Motorrad waren, und vor allem wer Georg Wurster, Wolfgang Göbel und meinen Vater Siegfried Buback erschossen hat.

Rote Armee Fraktion

Die Opfer, die Täter, der Terror

Über all die Jahre wurden drei Täter genannt: Günter Sonnenberg, Christian Klar und Knut Folkerts. Die bohrende Ungewissheit lag darin, dass nur zwei Menschen auf dem Motorrad saßen und nur der Beifahrer geschossen hat. Strafrechtlich ist der individuelle Tatbeitrag beim gemeinschaftlich begangenen Mord weniger relevant. Für die Angehörigen ist aber doch derjenige, der geschossen hat, der entscheidende Täter.

Was ich nicht erwartet hatte, ist nun geschehen. Nach drei Jahrzehnten habe ich Informationen aus dem Bereich der RAF erhalten, und ich bin dankbar dafür. Es erscheint mir fast wie ein Wunder, dass die Not der Angehörigen aufgrund der unklaren Tatumstände auch dort erkannt worden ist. Natürlich muss ich gegenüber Nachrichten aus solcher Quelle skeptisch sein. Sie können beabsichtigt oder unbeabsichtigt falsch sein, aber sie können eben auch stimmen.

Die Informationen berühren die Diskussion um eine Begnadigung von Christian Klar, sodass ich meine, sie nicht für mich behalten zu dürfen. Die Nachricht lautet: Christian Klar sei keiner der beiden Täter auf dem Motorrad gewesen.

Er habe auch nicht an der frühen Planung des Attentats teilgenommen, auch nicht an der Ausbildung für die Aktion. Christian Klar habe dagegen maßgeblich an der Ermordung von Jürgen Ponto mitgewirkt, was ja auch an anderer Stelle beschrieben ist. Diese Aktion war als Entführung geplant.

Sie galt als weniger schwierig, da die Tatbeteiligung von Frau Albrecht einen leichten Zugang zum Hause Ponto ermöglichte. Der Entführungsversuch misslang jedoch, und es ist nachvollziehbar, dass - wie ich höre - Christian Klar nicht in die Entführung von Hanns-Martin Schleyer einbezogen wurde, da diese wesentlich riskanter war.

Hinweise in sich schlüssig

Es gab zahlreiche weitere schwere Verbrechen der RAF, die für die Haftdauer, aber auch für eine Begnadigung Einzelner eine Rolle spielen. Wenn ich nur die drei herausragenden Attentate im Jahr 1977 berücksichtige, gibt es unter der auf die neuen Hinweise gestützten Annahme, dass Christian Klar am Gründonnerstag 1977 nicht an der eigentlichen Tat beteiligt war, für mich keinen Beleg, dass sein Anteil an den Verbrechen der RAF so außergewöhnlich schwer wiegt, dass er länger als alle anderen Mörder aus den Reihen der RAF in Haft bleiben müsste.

Diese Einschätzung hängt natürlich davon ab, dass die neuen Informationen stimmen. Ich habe die Hinweise mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln geprüft und abgewogen. Sie sind in sich schlüssig und passen zu bereits Bekanntem.

Es mag sein, dass Christian Klar an der Ermordung meines Vaters und seiner Begleiter in strafrechtlich relevanter Weise beteiligt war, etwa im Fluchtauto die Täter erwartete. Er sei aber nicht auf dem Motorrad gewesen. Und das ist für mich von Bedeutung.

Wenn die Schwere der Verbrechen von Christian Klar die der Morde anderer RAF-Mitglieder nicht deutlich übersteigt, kann man fragen, ob seine Haftdauer länger als die von Frau Mohnhaupt andauern sollte. Beide haben gemeinsam das schreckliche, zur Ermordung von Jürgen Ponto führende Verbrechen ausgeführt, und so könnte auch er nach etwa 24 Jahren Haft in Freiheit gelangen. Durch einen Gnadenerweis des Bundespräsidenten wäre das möglich.

Die für mich neue Situation - und ich füge nochmals ausdrücklich hinzu - wenn denn die Informationen zutreffend sind, führt zu weiteren Fragen: Wie kann es sein, dass ein Mensch es ohne Gegenäußerung akzeptiert, als besonders schwerer Verbrecher zu gelten, wenn er sich doch von anderen Mördern aus den Reihen der RAF nicht deutlich abhebt? Wie stark müssen Druck und Beeinflussung innerhalb der RAF gewesen sein? Man kommt rasch auf Gedanken, die schwindelig machen, die aber dennoch nicht absurd sein müssen.

Erkenntnisse über den Schützen

Ich wollte wissen, wer am Gründonnerstag 1977 in Karlsruhe drei Menschen erschossen hat, unter ihnen meinen Vater. Christian Klar soll es nicht gewesen sein. Als mögliche Schützen blieben aus dem stets genannten Täterkreis Günter Sonnenberg und Knut Folkerts. Sonnenberg hat das Motorrad ausgeliehen. Vermutlich hat er es wohl auch gefahren, und so lautet auch die Information, die mich erreichte. Der Schütze auf dem Beifahrersitz müsste demnach Knut Folkerts gewesen sein, aber ich höre, Folkerts sei nicht an der Tat beteiligt gewesen.

Wenn auch das stimmen sollte, so fehlte plötzlich ein Täter, nachdem es zuvor einen Täter zu viel gab, und ich muss mich fragen, ob mir Informationen nur gegeben wurden, um Klar zu entlasten und mich in meiner Gutgläubigkeit zu einem Einsatz für ihn zu bewegen.

Ich habe keinerlei gesicherte Kenntnisse, und ich habe gemerkt, dass es zu spät ist, nach einem Tatablauf vor über 30 Jahren zu fragen, einem Zeitabstand, nach dem früher Mord verjährte. Es geht nur noch um meine Einstellung zum Gnadengesuch von Christian Klar, die viele erfahren wollten. Im Zweifel will ich zu seinen Gunsten den Informationen glauben, dass er keiner der Täter auf dem Motorrad war.

Dieser Text ist der schwierigste, den ich je geschrieben habe. Viele werden meine Äußerung nicht nachvollziehen können, da sie darin Ansätze für eine ungerechtfertigte, etwas mildere Sicht auf Christian Klar erkennen, der ja schwerste Verbrechen begangen hat und wegen Mordes zu lebenslänglicher Haft verurteilt ist. Vielleicht wird auch Christian Klar meinen Beitrag nicht schätzen, denn ich kann nicht mehr ausschließen, dass er darauf bestehen möchte, ein noch größerer Terrorist gewesen zu sein, als er es war. Wenn das der Fall sein sollte, braucht er vor allem Hilfe, aber nicht noch 20 Monate Haft.

Michael Buback, 62, Professor für Technische und Makromolekulare Chemie in Göttingen, ist der Sohn des Generalbundesanwalts Siegfried Buback, der 1977 von der RAF ermordet wurde.