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Protestanten:Alle in einem Boot

Der Evangelische Kirchentag geht zu Ende - und fordert Hilfe für Flüchtlinge und eine klare Haltung gegen rechten Terror.

37. Deutscher Evangelischer Kirchentag - Abschlussgottesdienst

Wo sonst die Fans von Borussia Dormund ihre Schals schwenken, zeigten die Teilnehmer des Evangelischen Kirchentags am Sonntag Flagge.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) solle ein eigenes Schiff ins Mittelmeer schicken, das dort Bootsflüchtlinge rettet - das fordert eine Resolution des Deutschen Evangelischen Kirchentags, der am Sonntag in Dortmund zu Ende ging. Die Kirche müsse handeln, heißt es in dem Appell: "Schickt selbst ein Schiff in das tödlichste Gewässer der Welt." Zu Beginn des Treffens hatte Leoluca Orlando, der Bürgermeister von Palermo, an die Länder Europas appelliert, aus dem Meer gerettete Flüchtlinge aufzunehmen. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm setzt sich intensiv dafür ein, dass 43 Flüchtlinge, die derzeit auf dem Rettungsschiff Sea-Watch 3 vor Lampedusa festsitzen, an Land gehen dürfen: "Europa verliert seine Seele, wenn wir so weitermachen", sagte er. Tausende Kirchentagsbesucher gedachten in einer Schweigeminute der Ertrunkenen.

Auch beim Abschlussgottesdienst im Westfalenstadion (das heute nach einem Sponsor bezeichnet wird) rief Kirchentagspräsident Hans Leyendecker Politiker dazu auf, Haltung zu zeigen in der Flüchtlingsfrage: Pontius Pilatus habe sich einst die Hände in Unschuld gewaschen, sagte er, "europäische Politikerinnen und Politiker waschen sie in dem Wasser, in dem Flüchtlinge ertrinken". Der Journalist forderte zudem, sich "den Spaltern und Hetzern in unserer Gesellschaft entgegenzustellen". Man dürfe das Feld nicht denen überlassen, die das Gemeinwesen zerstören wollen. Deutschlands größtes Fußballstadion war beim Abschlussgottesdienst mit 32 000 Menschen nur halb gefüllt; 5000 Besucher kamen zur Übertragung in den Westfalenpark - der Kirchentag hatte mit 100 000 Teilnehmenden in Stadion und Park gerechnet. Insgesamt aber wurden die Erwartungen der Veranstalter übertroffen: Zu den 80 000 Dauerteilnehmern kamen, so der Kirchentag, 41 000 Tagesgäste hinzu - unerwartet viele.

"Europa verliert seine Seele, wenn wir so weitermachen", sagt der EKD-Ratsvorsitzende

Am Samstag warb Bundeskanzlerin Angela Merkel unter großem Beifall gemeinsam mit der früheren liberianischen Präsidentin und Friedensnobelpreisträgerin Ellen Johnson-Sirleaf für mehr internationale Verantwortung. Kein Land könne allein die globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bewältigen. Merkel versprach, dass Deutschland am Ziel der Klimaneutralität bis 2050 festhalte. Die kommende UN-Klimakonferenz müsse zeigen, dass die Staats- und Regierungschefs mehr für den Schutz der Atmosphäre tun wollten. Angesichts des Mordes am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke forderte sie, mögliche Verbindungen zum rechtsterroristischen NSU aufzuklären, sonst gebe es "einen vollkommenen Verlust der Glaubwürdigkeit". Auf einem Podium über die Rolle und Bedeutung des Konservatismus in Deutschland bekräftigte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) seine Abgrenzung von den rechten Positionen der AfD. "Konservativ sein bedeutet für mich, das Gute und Traditionelle zu bewahren", so Söder. Es gehe darum, "eine vernünftige Politik mit Maß und Mitte" voranzubringen.

Bei einer Veranstaltung zur sexualisierten Gewalt in der evangelischen Kirche mahnten die Betroffenen eine stärkere Aufklärung und Aufarbeitung der Verbrechen an - ursprünglich waren sie auf dem Podium nicht vorgesehen gewesen. Detlev Zander aus dem bayerischen Plattling sagte, die evangelische Kirche hätte das Thema verdrängt, "wenn wir Betroffene euch nicht auf die Füße getreten wären". Kerstin Claus vom Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in Berlin sagte, es brauche externe fachliche Begleitung und klare Regeln. Auf der Abschluss-Pressekonferenz sagte Leyendecker, das Treffen habe politisch wie religiös Impulse gesetzt. Das Treffen 2021 in Frankfurt wird als ökumenischer Kirchentag gefeiert; Katholiken und Protestanten laden gemeinsam ein.