Profil:Winfried Maier

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In den Richterstand geflohener bayerischer Staatsanwalt

Michael Stiller

(SZ vom 26.10.2001) -Am 21.März letzten Jahres saß in der Augsburger Staatsanwaltschaft Gruppenleiter Winfried Maier in seinem Büro und sah nach Erinnerung seiner Kollegen aus, als trüge er eine dieser venezianischen Vogelmasken. Um die Nase hatte er einen dicken Verband. Obwohl Maier nach einer Nasenoperation krankgeschrieben war, hatte man ihn ins Büro zitiert, weil ihn sein Chef Reinhard Nemetz dringend brauchte. Maier, dessen Hauptverfahren zu dieser Zeit die Schreiber-Affäre war, sollte auf der Stelle einen Vermerk schreiben, dass es gegen den Mitbeschuldigten Max Strauß, eine Art bayerischer "Baby Doc", keinen hinreichenden Tatverdacht gebe und Augsburg das Verfahren zur weiteren Ermittlung München überlasse. Maier wusste, dass die Zerschlagung der "Tod des Strauß-Verfahrens" wegen Steuerhinterziehung gewesen wäre.

"Mit blutender Nase und Kreislaufproblemen nach der Narkose bin ich ins Büro gegangen", erzählte Maier dieser Tage im Schreiber- Untersuchungsausschuss des bayerischen Landtags. Es war eine der letzten Szenen einer Ehe, die, wie es Maier formuliert, in der "Phase der Zerrüttung" war - der Beziehung zwischen einem unerschrockenen Staatsanwalt und brillanten Ermittler und einer politisierenden bayerischen Justiz, verkörpert durch den Münchner Generalstaatsanwalt Hermann Froschauer.

Maier war im November 1999 mit seinen Ermittlungen zum CDU- Spendenskandal vorgestoßen und hatte damit auch die bayerische Staatspartei CSU aufgeschreckt, zusammen mit seinem gleichgewebten Partner von der Steuerfahndung, Winfried Kindler. Eigentlich ist der 42-jährige Maier der Typ, den jeder Justizminister auf eine Tournee zur Vorstellung des zeitgemäßen Juristen mitnehmen könnte. Er war jüngster Gruppenleiter in Augsburg, zog brisante Großverfahren durch und bekam 1997 die Schreiber-Sache übertragen. Ab 1999 wurde der Vorzeige-Jurist von seinen Vorgesetzten aber plötzlich als eigenmächtig und unverträglich abgekanzelt und fühlte sich zum "Alibi- Staatsanwalt" degradiert.

Seine Haftbefehle wurden verzögert, er fühlte sich gemobbt, mit unsinnigen Berichtsanforderungen um seine Zeit gebracht. Er sollte Verfahrensschritte vorschlagen, die er ablehnte. Er durfte bei der CDU nicht durchsuchen und den berühmten Ehrenwort-Politiker Helmut Kohl nicht vernehmen. Fast hätte der Generalstaatsanwalt Froschauer noch die internationale Zielfahndung gegen Karlheinz Schreiber vermasselt. Aber er hielt dagegen, so gut es ging.

Auch an jenem 21.März 2000 hat sich Maier nicht gebeugt, sondern einen Vermerk geschrieben, der den Fortgang der Ermittlungen gegen Strauß in Augsburg sicherstellt. Aber als Staatsanwalt konnte er nichts mehr werden, das war ihm von Nemetz deutlich gesagt worden. Jetzt ist er Familienrichter am Oberlandesgericht München,das er als Oase in der Wüste empfindet, in die er geschickt wurde. Das mit der Nase hat er Nemetz aber nicht vergessen:" Ich habe mich seinerzeit wirklich aufgeregt, dass der Abschied von der Staatsanwaltschaft so schön war."

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