Profi-Revoluzzer Auf der Suche nach der schönsten Revolution

Der Georgier Irakli Tscheischwili ist überall dort, wo ein Volk für seine Rechte demonstriert - derzeit wohnt er in einem Zelt in Kiew.

Von Von Frank Nienhuysen

Irakli Tscheischwili weiß immer genau, woher der Wind weht. Vier Meter etwa ragt die Fahnenstange vor seinem Zelt in die Höhe, obendran ein weißes Tuch mit fünf roten Kreuzen, das sich aufbläst, wenn es braust in Kiew. Es ist die Staatsflagge von Georgien, und mit ihr führt Tscheischwili einen einsamen Kampf mitten in Kiew, dem Zentrum der orangefarbenen Revolution.

Tscheischwili wirkt wie der einsame Botschafter eines fernen Landes; Georgien, seine kaukasische Heimat, ist für die Ukrainer weit weg in diesen Tagen. Und doch weiß er, dass er gerade am rechten Platz ist - dem Platz der Unabhängigkeit im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt: "Das ist für mich die dritte Revolution in einem Jahr", sagt Tscheischwili.

"Ich war in Georgien dabei, als Eduard Schewardnadse vom Volk gestürzt wurde, ich habe in Adscharien gegen Machthaber Aslan Abaschidse protestiert, und ich werde auch jetzt bis zum Ende bleiben. Bis Viktor Juschtschenko Präsident ist."

"Eine Revolution ist eigentlich etwas Schlechtes", sagt er, "meistens bedeutet sie Aufruhr und Gewalt. Aber die Wahl in der Ukraine war ungesetzlich. Das Land braucht Demokratie." Der Revolutions-Tourist ist 23, Jurastudent in Tiflis, und er hätte eine Menge Gründe, derzeit woanders zu sein, als im verschneiten Kiew ein kleines Zelt zu bewohnen.

Ein guter Zeltplatz

Tagsüber peitscht nur ein paar Meter weiter Juschtschenkos Wahlmanager mit Worten auf die Menge ein wie ein Verkäufer auf dem Hamburger Fischmarkt. Selbst nachts, sagt er, "kreischen die Juschtschenko-Anhänger stundenlang weiter." Am 20. Dezember hat er Examen, die Zeit zum Lernen ist knapp, und in der Ukraine ist der Georgier nie zuvor gewesen.

Als er nach der ersten Wahlrunde aber in Batumi saß, und in den Nachrichten Bilder von einer Kundgebung in Kiew gezeigt wurden, packte er seine Sachen. Die Revolution rief. "Ich dachte, mit meiner Erfahrung aus Tiflis und Adscharien könnte ich die Kiewer beraten."

Er beeilte sich, und das war sein Glück. In der Zeltstadt am Chreschtschatik, dem Hauptboulevard von Kiew, war er einer der Ersten, also bekam er einen guten Platz. Sein Zelt steht gleich in der ersten Reihe, direkt am Rande des Majdan, dem Unabhängigkeitsplatz, wo Juschtschenko fast täglich auftritt und ohne Unterlass ukrainische Popgruppen spielen.

Weiter Flagge zeigen

Nach ihm kamen noch etwa 1500 Camper dazu, Naht an Naht stehen die Zelte, der Weg durch die Gassen ist oft versperrt von Plastiktüten und Müllsäcken, und doch fühlt sich Irakli Tscheischwili bestens. "Hier ist es schöner als bei der Revolution in Georgien. Der Protest ist besser organisiert, bei uns gab es kein Zeltlager, und in Adscharien kam es sogar zu Gewalt. In Kiew sind alle sehr zivilisiert."

Und dass sich russische Sondereinheiten in ukrainischer Uniform unter die Menschen gemischt haben, womöglich bereit, eine Keilerei zu provozieren? "Ach", sagt er. "Die Armee komme, die Speznas-Leute: Das hat man in Tiflis auch gedacht. Und? Nichts war."

Also bleibt Tscheischwili entspannt, zeigt weiter seine Flagge und genießt die Atmosphäre der Revolution. Im nahen Zeltlager wärmen sich einige an einem Feuer, das sie in einer abgesägten Tonne entzündet haben. Aus der Behelfsküche kommen Demonstranten mit heißen Kartoffeln zurück, und der Georgier redet schon von neuen Plänen: "Irgendwann, wenn die Opposition gegen Alexander Lukaschenko stark genug ist, dann will ich auch nach Weißrussland."