Österreich Juschtschenko Opfer einer Dioxinvergiftung

Die Ärzte in Wien haben keinen Zweifel: Der ukrainische Oppositionsführer ist während des Präsidentschaftswahlkampfs in seinem Heimatland vergiftet worden. Ihm sei Dioxin zugeführt worden, so dass "Verdacht auf Fremdverschulden" bestehe.

Juschtschenko sei vermutlich absichtlich vergiftet worden, sagte der Chefarzt der Wiener Privatklinik Rudolfinerhaus, Michael Zimpfer, am Samstag. Er habe das Gift über die Nahrung aufgenommen. Der 50-Jährige war mitten im Wahlkampf um das Präsidentenamt am 6. September plötzlich schwer erkrankt und vier Tage später in das Rudolfinerhaus in Wien eingeliefert worden.

Zwei Gesichter desselben Mannes: Viktor Juschtschenko im Juli 2004 (l.) und im Oktober 2004.

(Foto: Foto: dpa)

Der 50-Jährige sieht sich als Opfer eines Mordkomplotts. Seit seiner Erkrankung ist Juschtschenkos Gesicht durch Pusteln und Narben entstellt. "Es besteht für uns kein Zweifel, insbesondere nach den Blutuntersuchungen, dass eine Vergiftung mit Dioxin vorliegt", erklärte Zimpfer.

In Blut und Gewebe des Patienten sei eine sehr starke Dioxin-Konzentration im Grammbereich gefunden worden, die mindestens das Tausendfache der normalen Konzentration betrage. Auf Grund der Schäden im Verdauungstrakt gingen die Ärzte von einer Einnahme über den Mund aus.

Es bestehe "Verdacht auf Fremdverschulden", sagte Zimpfer. Es sei Sache der zuständigen Behörden, dies zu klären. Zimpfer bestätigte, die Dosis hätte tödlich sein können, wäre sie etwas höher gewesen.

Bei seiner Ankunft zur Nachuntersuchung in Wien am Freitag hatte Juschtschenko gesagt, er gehe von einem Mordanschlag seiner politischen Gegner als Ursache seiner Krankheit aus. Die Zeitung "Fakty" hatte vor wenigen Wochen berichtet, dass sich der Oppositionsführer nur wenige Stunden vor seiner schweren Erkrankung mit dem Chef des ukrainischen Geheimdienstes SBU und dessen Stellvertreter getroffen habe.

Eine Untersuchung der Justizbehörden in der Ukraine war zu der Ansicht gekommen, Juschtschenko leide an einer Viruskrankheit, die auch seine Leber angegriffen habe.

Langwieiger Heilungsprozess

Der allgemeine Gesundheitszustand des Patienten habe sich in den vergangenen Monaten stark verbessert, sagte Chefarzt Zimpfer am Samstag. Auf das entstellte Gesicht Juschtschenkos angesprochen sagte der Arzt, die Heilung werde angesichts der schwerwiegenden Symptome lange dauern. Der aus der Ukraine stammende Chirurg Nikolaj Korpan fügte hinzu, der Patient sei trotz seines Leidens arbeitsfähig. Seine Krankheit sei nicht ansteckend.

Juschtschenko war am Freitag in Begleitung seiner Frau und des jüngsten seiner fünf Kinder im Krankenhaus in Wien angekommen. Dort war er bereits zwei Mal wegen der mysteriösen Krankheit in Behandlung. Bei ersten Tests hatten Ärzte dort im September schwere Entzündungen der Leber, der Bauchspeicheldrüse und im Verdauungstrakt festgestellt.

Der pro-westliche Juschtschenko gilt als Favorit bei der Wiederholung der erbittert umkämpften Präsidentenstichwahl in der Ukraine am 26. Dezember. Die erste Stichwahl am 21. November hatte sein Russland-treuer Kontrahent Viktor Janukowitsch nach offiziellen Angaben gewonnen. Nach wochenlangen Protesten von Juschtschenko-Anhängern erklärte das Oberste Gericht der Ukraine die Wahl allerdings für gefälscht und setzten die Wiederholung an.

Dabei stehen sich erneut Juschtschenko und Janukowitsch gegenüber. Die Juschtschenko nahe stehende Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko bezeichnete unterdessen Äußerungen Janukowitschs über eine Verschwörung gegen ihn als "hysterisch". Janukowitsch hatte am Freitag dem Lager von Präsident Leonid Kutschma vorgeworfen, sich mit Juschtschenko gegen ihn verbündet zu haben.

Janukowitsch war anfangs von Kutschma gestützt, nach der Annullierung der Wahl aber fallen gelassen worden. Timoschenko kündigte an, Juschtschenko werde nach seiner Rückkehr aus Wien zum Wahlkampf in den Osten des Landes reisen, wo traditionell die Anhänger Janukowitschs zu finden sind. Janukowitsch trat bereits am Samstag in der ostukrainischen Stadt Lugansk auf.