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Obama und Merkel:Fast Freunde

Und was kommt nach dem Kuss? Am Sonntag empfing Bundeskanzlerin Angela Merkel US-Präsident Barack Obama in Hannover.

(Foto: John Macdougall/AFP)

Angela Merkel versteht sich nicht auf Pathos, Barack Obama schon. Über das Verhältnis der beiden wurde viel gerätselt. Nun nimmt der US-Präsident Abschied von Deutschland. Zeit für eine Bilanz.

Von Nico Fried

Lesedauer: 13 Minuten

Sie sagt ja öffentlich nie sowas richtig Persönliches zu ihren Staatsgästen. Angela Merkel würdigt stets eher das Amt als den Menschen. Sie sagt: Ich freue mich, heute die Präsidentin der Republik Litauen begrüßen zu dürfen, oder den Präsidenten von Mosambik, oder eben den der Vereinigten Staaten von Amerika.

Wenn Barack Obama der Gastgeber ist, hört sich das anders an. Auch er begrüßt natürlich erst "Chancellor Mörkl", aber Obama hat fast von Beginn an hinzugefügt: "my friend Angela". Jetzt gleich, hier auf der Pressekonferenz in Hannover, bietet sich Merkel vielleicht die letzte Chance, diesen Präsidenten auch mal öffentlich einen Freund zu nennen.

Und sie wird weit gehen, sehr weit sogar für ihre Verhältnisse.

Es ist ja nicht viel, woraus man bei Begegnungen deutscher Kanzler und amerikanischer Präsidenten auf die Atmosphäre schließen kann. Und ob das, was sie dann so sagen, wirklich stimmt - was weiß man schon? Das Interesse daran ist gleichwohl immer groß und bei Merkel und Obama ganz besonders. Das liegt auch daran, dass die Deutschen in ihrer Mehrheit acht Jahre lang nie recht im Einklang gewesen sind mit ihrer Kanzlerin, die diesen Mann eher kühl behandelte, als ihm die Euphorie entgegenschwappte, dann aber immer fester zu ihm stand, je mehr er die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnte.

Man wird vielleicht nie erfahren, ob Merkel Obama beneidet, weil der so mitreißend reden kann

Jetzt begrüßt die Kanzlerin Obama in Hannover, sagt wie immer, dass sie sich freue, und fügt hinzu: "Ich will ganz ausdrücklich sagen, lieber Barack, dass ich die offenen, freundschaftlichen und vertrauensvollen Gespräche außerordentlich schätze."

So nett war sie eigentlich noch nie zu ihm. Nun, da die Amtszeit des Präsidenten zu Ende geht, haben Merkel und Obama offenkundig mindestens ein gutes Arbeitsverhältnis, ausbalanciert, offen, allein schon, weil sie sich nun lange genug kennen. Sie sind, neben Wladimir Putin, quasi die Dinosaurier unter den wichtigsten Staats- und Regierungschefs. Die Kanzlerin und der Präsident haben manches erreicht und vieles nicht. Die Probleme haben sich widerstandsfähiger gezeigt als in den Reden des Kandidaten Obama vor acht Jahren. Da hat Merkel mit ihrer Skepsis recht behalten.

Bisweilen hat es richtig gerumpelt, wenn auch gut versteckt, weil Merkel das Verhältnis zu den USA zu wichtig findet, als dass es unter persönlichen Querelen leiden soll. Und ihr Respekt vor manchem Projekt, das er gewagt hat, innen- wie außenpolitisch, ist ehrlich und ausgeprägt, weil sie sieht, wie viel größer die Widerstände sind, die er zu überwinden hat, wie viel härter die politischen Umgangsformen.

Nach Merkels Rede im US-Kongress, als viele Republikaner ihr den Applaus verweigerten, nur weil sie auch ein paar Worte über den Klimaschutz zu sagen gewagt hatte, merkte Obama ihr gegenüber sinngemäß an: Jetzt weißt du, womit ich hier zu kämpfen habe.

Zurück in Hannover. Jetzt spricht der Präsident. "Es ist immer schön, bei meiner Freundin Angela Merkel zu sein." Er schätze ihr Denken, ihren Einsatz und ihre Führungsqualitäten. Als beide nach der Bilanz ihrer persönlichen Zusammenarbeit gefragt werden, ist Merkel eher unwillig, weil man sich ja noch ein paar mal sehen werde und ihr die Zukunft wichtiger sei als die Vergangenheit. Obama aber hat nichts dagegen, ein wenig sentimental zu sein. Merkel sei gradlinig, kontinuierlich und vertrauenswürdig. Außerdem habe sie einen guten Humor, "auch wenn sie ihn in Pressekonferenzen nicht immer zeigt". Es gebe eigentlich kein Thema, bei dem die Kanzlerin nicht hilfreich gewesen sei. Sehr viel Freundlichkeit ist das, und Merkel schaut in einer Mischung aus Verlegenheit und Spott auf den schwärmenden Präsidenten.

Aber es wird noch besser kommen. Im Juli 2008 treffen sich Merkel und Obama erstmals. Der Präsidentschaftskandidat besucht Berlin, schaut im Kanzleramt vorbei, und hält eine Rede vor der Siegessäule, weil Merkel ihm einen Auftritt am Brandenburger Tor verweigert hat. Die Begeisterung für Obama ist enorm, die Verwunderung über die Sturheit der Kanzlerin auch. "Ich habe meine Meinung dazu geäußert, das wird ja in einem freien Land noch möglich sein", mault sie, genervt von den wiederkehrenden Fragen.

Merkel findet, dass ein Senator aus Illinois nicht vor das Wahrzeichen der Stadt und das Symbol der Einheit gehört. Und sie will einigermaßen fair bleiben gegenüber Obamas Gegenkandidaten John McCain. Der hat ihr das übrigens nicht gedankt, fast jeden Besuch Merkels in den USA hat McCain in den Jahren danach mit abfälligen Bemerkungen begleitet, zuletzt wegen ihrer angeblich zu laschen Haltung in der Ukraine-Krise.

Das Pathos des neuen Präsidenten ist Merkel anfangs suspekt. Sie wundert sich über die Obamania. Bei einem Treffen mit dem damaligen russischen Präsidenten Dmitrij Medwedjew, einer Politikerfigur von ähnlicher Spritzigkeit wie Merkel selbst, mokieren sich beide hinter verschlossenen Türen über die weltweite Euphorie. Die Kanzlerin will Obama an Taten messen, nicht an Worten. Und man wird wohl nie erfahren, wie viel von dieser Distanz Merkels pragmatischem Politikstil geschuldet ist, und wie viel dem stillen Bedauern, ganz sicher nicht über Obamas Fähigkeit zu verfügen, ein Publikum mit einer Rede mitzureißen.

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Im Juli 2008 sprach Obama vor der Siegessäule in Berlin. Merkel hatte ihm einen Auftritt vor dem Brandenburger Tor versagt.

(Foto: Paul J. Richards/AFP)

Doch schon beim ersten Treffen und auch später, als der neue Präsident nach Dresden kommt, erleben Merkel und ihre Leute auch einen anderen Obama, nicht den Strahlemann, wenn das Licht angeht, sondern einen grüblerischen Menschen, einen vorsichtigen Intellektuellen, hinter verschlossenen Türen das Gegenteil seines Vorgängers George W. Bush, der stets auch im kleinen Kreis Wert darauf legte, seine Gesprächspartner zu unterhalten.

Am Anfang findet es Merkel bisweilen regelrecht anstrengend mit Obama, weil er ihr unflexibel erscheint, immer wieder mit denselben Argumenten langatmig doziert, vor allem in Wirtschaftsfragen. Doch mit den Jahren lernt sie seine Analysen zu schätzen. Mittlerweile empfindet sie die Gespräche mit ihm als echten Austausch, bereichernd, weil sie Obamas analytische Tiefe schätzt.

Der Präsident wiederum bemüht sich nach den ersten Begegnungen immer wieder darum, die Diskussionen über das angeblich belastete Verhältnis auch öffentlich zu zerstreuen, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Dresden 2009 mit fast humoristischem Flehen: Die Spekulationen hätten keine Grundlage, "hört auf damit!", ruft er den Journalisten zu. "Alle!"

Das passiert nicht nur einmal: Merkel fühlt sich von Obama überrumpelt, schlecht informiert

Allenfalls auf charmant-subtile Weise hat Obama dann doch noch Rache genommen für die Brandenburger-Tor-Episode: Als der amerikanische Präsident der Kanzlerin 2011 die Medal of Freedom verleiht, die höchste zivile Auszeichnung der USA, überwältigt er sie im Rosengarten des Weißen Hauses mit genau jenem Pathos, das ihr eher fremd ist, spricht im feierlichen Ambiente von dem jungen Mädchen Angela in einer kleinen ostdeutschen Stadt und lässt sie würdigen als "Symbol für den Triumph der Freiheit". Doch es passt zur Widersprüchlichkeit, ja zur Undurchschaubarkeit dieser Beziehung, dass der Festakt in Washington in eine Zeit fällt, als das Verhältnis der beiden tatsächlich das erste Mal gelitten hat.

Über Monate haben sich beide einander vorsichtig angenähert. In London auf der G-20-Konferenz zu den Konsequenzen aus der Finanzkrise, imponiert Merkel Obamas Auftritt, indem er sich zur Verantwortung der USA bekennt und zugleich die Verpflichtung der internationalen Gemeinschaft anmahnt. In Hannover erinnert Obama an jene Zeit: Man habe die Zusammenarbeit begonnen, als die Welt auf einen wirtschaftlichen Kollaps zugesteuert sei, sagt er. Die Verhandlungen von London über neue Regeln gestalten sich schwierig, doch Obama hat frühzeitig Emissäre entsandt, um Kompromisse auszuloten. Am Ende bezeichnet Merkel vor allem die Bemühungen des Präsidenten als "hilfreich". Und Obama schwärmt in jenem Sommer, er möge Merkel, weil sie klug sei, pragmatisch und er ihren Zusagen vertrauen könne.

Merkel, Obama und das Wachbataillon: Es ist der letzte Deutschland-Besuch Obamas als US-Präsident.

(Foto: Odd Andersen/AFP)

Wie zerbrechlich das Vertrauen mindestens auf der einen Seite noch ist, zeigt sich nach einem Besuch Merkels in Washington Ende 2009. Die Kanzlerin erfährt kurz vor dem Rückflug nach Deutschland, dass der Autokonzern General Motors den monatelang mühsam ausgehandelten Verkauf der Firma Opel platzen lässt. Im Flugzeug fragt sie sich und ihre Vertrauten, was Obama davon gewusst, aber verschwiegen haben könnte, als sie Stunden zuvor bei ihm im Oval Office saß. Nichts, versichert Obama einige Tage später in einem Telefonat.

Im März 2011 aber fühlt sich Merkel wirklich überrumpelt von Obama, weil er aus ihrer Sicht über Nacht seine Position zu einer Intervention in Libyen ändert. Die Kanzlerin und ihr Außenminister Guido Westerwelle geraten unter Druck, weil sie sich im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen enthalten und nach Meinung ihrer zahlreichen Kritiker die transatlantische Solidarität aufs Spiel setzen.

Fünf Jahre später, kurz vor seinem letzten Besuch in Deutschland, bezeichnet es Obama als seinen wahrscheinlich größten Fehler, "dass ich nicht für den Tag nach der Intervention in Libyen geplant habe, die mir damals als richtige Entscheidung erschien". In den Ohren Merkels, die heute auch wegen des Niedergangs staatlicher Strukturen in Libyen mit der Flüchtlingskrise kämpft, muss das wie Hohn klingen. Nur sagen würde sie es natürlich nie.

Ob sie sich heute in ihrer Einschätzung von damals bestätigt sehe, wird Merkel in Hannover gefragt. Wenn man eine von Freunden abweichende Entscheidung treffe, sagt sie mit Blick auf Deutschlands Position gegenüber den engsten verbündeten USA, Frankreich und Großbritannien, dann sei das nie einfach. "Aber man bleibt trotzdem Freunde." Die Probleme in Libyen beträfen nun alle, und das heiße, "einfach in die Zukunft zu schauen".

Nach der Intervention in Libyen hat Obama die amerikanische Außenpolitik geändert. Er kommt damit auch und gerade Merkel entgegen. Die Kanzlerin, deren politische Karriere einmal fast irreparabel beschädigt wurde, weil sie sich dem von George W. Bush befehligten Einmarsch amerikanischer Truppen im Irak nicht politisch widersetzte, ist längst eine Gegnerin militärischer Aktionen in unübersichtlichen Konflikten.

Auf der anderen Seite aber ist Merkel vielleicht auch die am amerikanischsten denkende Kanzlerin, die Deutschland je hatte. Als eine US-Spezialeinheit im Mai 2011 in Pakistan den Al-Qaida-Chef Osama bin Laden ausfindig macht und erschießt, rutscht der Kanzlerin heraus, sie "freue" sich darüber, dass es gelungen sei, den Terroristen "zu töten". Das bringt ihr zu Hause eine Menge Ärger ein, im vertraulichen Gespräch mit dem Präsidenten aber auch dessen Dank: Denn Merkel äußert dabei ihren Respekt dafür, dass Obama das Haus in Abbottabad nicht einfach bombardieren ließ, sondern - um ganz sicher zu gehen, Osama zu erwischen - das Leben seiner Soldaten aufs Spiel setzte.

Bei anderen Reizthemen hält sich Merkel hingegen im Sinne der transatlantischen Partnerschaft zurück. Die Einsätze von Drohnen im Anti-Terror-Krieg sieht sie kritisch, verkneift sich aber jede öffentliche Äußerung dazu. Sie findet, dass ein Land sich nur begrenzt als moralische Instanz gegenüber einem anderen Land aufspielen sollte, von dem zugleich seine Sicherheit abhängt. Auch im NSA-Skandal hat man nie wirklich den Eindruck, dass sich die Kanzlerin über das Maß hinaus aufregen würde, dass sie der öffentlichen Empörung in Deutschland gegenüber für gerade notwendig erachtet.

Obama war dann doch häufiger in Deutschland als seine Vorgänger. Nun war er noch in Hannover

Es ist noch so ein Symbol für die etwas widersprüchliche Partnerschaft Obamas mit Merkel, dass oft gemunkelt wurde, der Präsident meide Deutschland, Obama am Ende seiner Amtszeit aber häufiger zu Gast gewesen sein wird, als seine Vorgänger. Die Orte, die er besucht hat, lesen sich fast wie der Reiseplan einer amerikanischen Touristengruppe. Obama war in Baden-Baden, in Dresden und in Buchenwald. Er hat schließlich doch noch in Berlin vor dem Brandenburger Tor gesprochen, im oberbayerischen Krün Weißwurst gegessen und auf Schloss Elmau versprochen, das Weltklima zu retten. Und nun sieht er auch noch Hannover.

Mehrere Zehntausend Menschen haben am Samstag gegen das geplante europäisch-amerikanische Freihandelsabkommen demonstriert. "Yes we can stop TTIP" skandierten sie - und machten mit dieser quasi ins Gegenteil verkehrten Anleihe bei Obamas berühmtem Wahlkampf-Slogan von 2008 besonders deutlich, wie sehr sich gerade bei denen das Bild des amerikanischen Präsidenten verändert hat, die damals besonders große Hoffnung in ihn hatten, als er noch so schön über Frieden und Gerechtigkeit sprach.

Wenn die Umfragen stimmen, steht Merkel mit ihrer Haltung zu TTIP gegen die Mehrheit der Deutschen - und somit wieder an Obamas Seite. Dafür stellt er sich in der Flüchtlingskrise ganz eng zu ihr: "Sie ist auf der richtigen Seite der Geschichte", sagt Obama. Wechselfälle einer ungewöhnlichen Beziehung könnte man das nennen. Neun Monate haben die beiden noch zusammen. "Jemand hat mal zu mir gesagt, in der zweiten Hälfte der zweiten Amtszeit würden die Dinge gemächlicher", sagt Obama. "Mir ist das bisher nicht passiert." Und auch in neun Monaten könne noch viel geschehen. Beneidet er Merkel, dass ihre Zahl der Amtszeiten nicht begrenzt ist? Nein, antwortet Obama. "Ich liebe diesen Job." Er wache jeden Morgen mit dem Gefühl auf, was er tue, habe eine Bedeutung. Er könne jeden Tag Menschen helfen. Aber er habe eben auch "die Weisheit unserer Gründerväter schätzen gelernt". Es sei gut, sagt Obama und bedient sich eines Spruches aus dem Basketball, "wenn frische Beine aufs Spielfeld kommen". Offenbar hat die Kanzlerin genau zugehört, denn die Frage, die an sie gerichtet war, hat sie zwischenzeitlich schon vergessen. Der Präsident ist auf der Hut bei dieser Antwort: Weil er Merkel, bald elf Jahre im Amt und schon in ihrer dritten Legislaturperiode, nicht kompromittieren möchte, fügt er mehrere Mal ein, was er sage, gelte natürlich nur für die Vereinigten Staaten. Und damit kein Zweifel bleibt, sagt er: "Ich bin froh, dass sie noch da ist." Wird am Ende da noch Liebe draus?

Erschienen in der SZ vom 25.4.2016

© SZ vom 25.04.2016
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