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NS-Vergangenheit des BKA:BKA öffnet Akten zur eigenen NS-Geschichte

Das Bundeskriminalamt lässt nach seinen braunen Wurzeln graben. Unabhängige Wissenschaftler sollen die NS-Vergangenheit der Behörde untersuchen.

Das Bundeskriminalamt will mit einem groß angelegten Forschungsprojekt seine noch ungeklärte NS-Vergangenheit aufarbeiten. Die Behörde werde alle relevanten Akten öffnen, um von renommierten Wissenschaftlern die Entwicklung des Amtes in den 50er und 60er Jahren erforschen lassen, sagte der Präsident der Behörde, Jörg Ziercke, am Mittwoch zum Abschluss eines Kolloquiums in Wiesbaden. Ein solches Forschungsprojekt könne zu einer gesteigerten Akzeptanz des BKA in der Öffentlichkeit beitragen.

Zahlreiche leitende Beamte in der Gründungsphase des Bundeskriminalamts gehörten vor 1945 der SS an. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten 48 Beamte des Reichskriminalpolizeiamtes den Kern einer neuen Kriminalpolizei in der britischen Besatzungszone. Diese Behörde ging später im BKA auf.

Ende der 50er Jahre waren fast alle BKA-Leitungspositionen mit ehemaligen Nazis und SS-Führern besetzt. Nach Einschätzung von Fachleuten waren bei der Polizei nach dem Krieg Cliquen und Seilschaften der Nazi-Zeit aktiv, die sich bei der Wiedereinstellung gegenseitig halfen.

Experten befürworteten auf dem Kolloquium die Öffnung der Akten. Zwar sei die NS-Vergangenheit der BKA-Leitungsebene während der 50er und 60er Jahre weitgehend bekannt, doch gebe es noch immer Lücken, sagte der Polizeiforscher Dieter Schenk. Noch völlig unbekannt sei auch, inwieweit die Ebene der Sachbearbeiter im BKA sich in den ersten Jahrzehnten aus Angehörigen des ehemaligen NS-Sicherheitsapparats rekrutiert habe.

Der Schriftsteller Ralph Giordano bezeichnete das Kolloquium am Mittwoch als Quantensprung in der Aufarbeitung der NS-Zeit. Die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland hätte sich anders entwickelt, wenn dies früher geschehen wäre: "Es ist nicht zu spät, aber es ist sehr spät."

Der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma, Romani Rose, sagte, das BKA habe die Verbrechen der Nazis nicht zu verantworten. Dennoch hätten Beamte des Bundeskriminalamts einen unheilvollen Einfluss ausgeübt.

So hätten "Zigeunerspezialisten" des früheren Reichssicherheitshauptamtes die pauschale Diskriminierung von Sinti und Roma in der Bundesrepublik fortgesetzt. Innerhalb der Polizei sei die Minderheit der Sinti und Roma nach 1945 zu einem Feindbild aufgebaut worden. Es sei noch zu klären, welchen Einfluss ehemalige Angehörige des NS-Sicherheitsapparates auf die Ausbildung junger Kriminalbeamter in der Bundesrepublik gehabt hätten.

Ziercke sagte, er wünsche sich eine kritische und neutrale Aufarbeitung der BKA-Geschichte durch ein interdisziplinäres Forscherteam. In dem dreiteiligen Kolloquium, das am Mittwoch zu Ende ging, befassten sich Zeitzeugen und Wissenschaftler, aktive sowie ehemalige BKA-Mitarbeiter mit der Gründungsphase des Bundeskriminalamts. Ziercke sagte, dabei seien die Übergänge von der NS-Zeit in die junge Bundesrepublik aufgehellt worden. Dies reiche aber nicht aus. Daher sei nun eine systematische Aufarbeitung durch Forscher notwendig.

"Ich denke, die Beschäftigung mit der Rolle des BKA im demokratischen Rechtsstaat muss für die Polizei eine Daueraufgabe sein", sagte der Präsident des Bundeskriminalamtes. Die Polizeibehörden hätten gleichermaßen die Aufgabe Grundrechte zu schützen und in Grundrechte einzugreifen. Wenn das BKA nun zeige, dass es seine Vergangenheit transparent aufarbeite, sei dies ein Beitrag, die Akzeptanz von Polizeiarbeit insgesamt zu stärken.