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Neue Serie: Mein liebstes Hobby (1):"Ich bevorzuge offene Partien"

Neue Serie auf sueddeutsche.de über unbekannte Vorlieben von Bekannten. Am Anfang spricht Finanzminister Steinbrück über Schach und Deep Fritz.

SZ: Herr Steinbrück, welche Erinnerung weckt der Zug eines weißen Turmes vom Feld a6 auf das Feld a7 bei Ihnen?

Wenn der Finanzminister sich bei gedämpftem Licht ans Schachbrett setzt, müssen alle den Mund halten. Sagt der Finanzminister.

(Foto: Foto: dpa)

Steinbrück: Das war ein bescheuerter Zug, den ich verdrängt habe. Er kommt in meiner Erinnerung nicht mehr vor.

SZ: Es war der letzte Zug in ihrer Partie gegen den früheren Weltmeister Wladimir Kramnik. Danach mussten Sie aufgeben, weil er Ihren Springer schlagen konnte, Sie aber nicht seinen gedeckten Läufer.

Steinbrück: Ich hatte meinen Springer an den Rand manövriert, so dass er keinen Spielraum mehr hatte. Ich wollte ihn zurückholen, aber Kramnik hatte alle Felder geschickt zugemacht. Der entscheidende Fehler in dieser Partie passierte aber einige Züge vorher, da hätte ich einen Bauern offensiver spielen müssen. Das haben mir auch Großmeister bestätigt, mit denen ich die Partie später analysiert habe. Aber ich war überrascht, dass ich überhaupt 37 Züge durchgehalten habe.

SZ: Sie haben mit den weißen Steinen mit dem Königsbauern eröffnet, was gemeinhin als die offensivste Variante gilt.

Steinbrück: Ja, ich bevorzuge offene Partien.

SZ: Einige Züge lang haben Sie eine gängige Variante der spanischen Eröffnung gespielt. Lernen Sie Eröffnungstheorien?

Steinbrück: Nein. Überhaupt nicht. Ich spiele nur Partien nach und merke mir dabei natürlich manches. Aber wenn Sie mich jetzt nach der preußischen oder russischen Eröffnung, nach Königsindisch oder der Nimzowitsch-Variante fragen würden, könnte ich Ihnen das nicht runterrattern.

SZ: Sind Sie ein geduldiger Positionsspieler oder einer, der mal ein Opfer riskiert, auch wenn er die Konsequenzen nicht übersehen kann?

Steinbrück: Letzteres, und zwar zu häufig. Ich spiele oft impulsiv und verschenke damit bisweilen Positionen, die eigentlich vorteilhaft gewesen wären.

SZ: Der Ruf einer gewissen Impulsivität eilt Ihnen ja voraus. Haben Sie die Figuren schon mal aus Wut vom Brett gefegt?

Steinbrück: Nein. Noch nie. Beim Schach kann ich mich beherrschen.

SZ: Was fasziniert Sie am Schach-Spiel?

Steinbrück: Es ist ein sehr strategisches Spiel und sehr variantenreich. Und es ist eine Duell-Situation.

SZ: Sie spielen Tennis, Billard und Schach. Alles Duelle.

Steinbrück: Als Kind habe ich viel Fußball gespielt. Aber später, da haben Sie recht, hab ich Einzelsportarten gewählt.

SZ: Weil Sie sich am liebsten auf sich selbst verlassen?

Steinbrück: Ja.

SZ: Wie anstrengend ist Schach?

Steinbrück: Sehr anstrengend. Der Manager von Kramnik hat mir erzählt, dass die Profis während einer umkämpften Partie mehrere Kilo abnehmen. Schach ist Sport. Sie merken das körperlich, aber eben auch geistig, bis hin zur Schlaflosigkeit. Ich habe einen Schach-Partner, der regt sich über Partien so auf, dass er nachts nicht schlafen kann.

SZ: Sie haben mal gesagt, Sie spielen Schach, um den Kopf freizubekommen. Ist das nicht das Gegenteil?

Steinbrück: Für mich ist Schach entspannend, weil es eine völlig andere Form der Konzentration erfordert als meine Arbeit. Ich kann dabei alles andere vergessen. Ich ärgere mich auch über Fehler, aber ich hab gelernt, das wegzustecken. Und der Schachcomputer, gegen den ich meistens spiele, hat den großen Vorteil, dass ich ihn ungestraft anschnauzen und mich sofort abreagieren kann.

Lesen Sie auf Seite zwei, wie Steinbrück über verrückte Schach-Weltmeister denkt.