Nahost Jassir Arafat ist tot

Wenige Stunden nach dem Tod ihres Führers haben die Palästinenser dessen Nachfolge geregelt. Die Macht verteilt sich künftig auf mehrere Personen. Im Gazastreifen und dem Westjordanland strömten zehntausende Palästinenser zu Trauerkundgebungen auf die Straßen.

Der Leichnam Arafats soll am Donnerstagabend mit einer Maschine der französischen Luftwaffe nach Kairo geflogen werden, wie in Paris bekannt wurde. Die Palästinenserführung hatte sich mit dem Vorschlag des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak einverstanden erklärt, am Freitag in Kairo eine Trauerfeier für Arafat abzuhalten, an der zahlreiche Staatsmänner teilnehmen werden.

Der Verstorbene soll anschließend in seinem Hauptquartier, der so genannten Mukata in Ramallah beigesetzt werden. Um eine spätere Umbettung nach Ostjerusalem zu ermöglichen, soll er einen Steinsarg erhalten. Israel hat eine Bestattung in Jerusalem abgelehnt.

Die Funktionen Arafats in der Palästinensischen Autonomiebhörde übernimmt vorläufig Parlamentspräsident Rauchi Fatuch. Er wurde in einer Sondersitzung des Parlaments in Ramallah vereidigt. Nach den Richtlinien des palästinensischen Grundgesetzes übernimmt der Parlamentspräsident die Amtsgeschäfte bis zu den vorgeschriebenen Neuwahlen, die spätestens in 60 Tagen abgehalten werden müssen.

Israel versetzt Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft

Auch Arafats Nachfolge an der Spitze der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und seiner Fatah-Organisation sind geregelt. Das PLO-Exekutivkomitee ernannte den bisherigen Stellvertreter Arafats und früheren Ministerpräsidenten Machmud Abbas zum PLO-Chef; er gilt auch als aussichtsreichster Kandidat bei den Wahlen für die Nachfolge Arafats an der Spitze der Palästinesischen Autonomiebehörde. Zum neuen Führer der Fatah-Bewegung wurde Faruk Kaddumi bestimmt, der bisher Chef der Politischen Abteilung der PLO war.

Israel hat Polizei und Armee nach dem Tod Arafats in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Israelische Medien berichteten, die Sicherheitskräfte sollten zusätzliche Kontrollstellen im Westjordanland und dem Gazastreifen errichten. Es solle verhindert werden, dass aufgebrachte Palästinenser nach Jerusalem durchbrechen.

Trauerkundgebungen in den Autonomiegebieten

Arafat war gegen 3.30 am Morgen im Alter von 75 Jahren gestorben. Die Nachricht von seinem Tod gab der französische General Christian Estripeau mit, der als einziger Mediziner des Militärkrankenhauses Percy bei Paris befugt war, offiziell über Arafats Zustand zu berichten. Der Palästinenserführer war seit dem 29. Oktober in der Klinik bei Paris behandelt worden. Er litt nach Angaben der Palästinenser zuletzt an Gehirnblutung und Organversagen.

Die Palästinenser reagierten mit tiefer Trauer auf den Tod ihres politischen Führers und Volkshelden. "Ein großes Herz hat aufgehört zu schlagen", sagte Arafats Sekretär Tajib Abdel Rachim. Er kämpfte mit den tränen, als er die vorbereitete Würdigung verlas. Der Palästinenserführer habe eine "grenzenlose Liebe" für das palästinensische Volk gehabt, sagte Rachim. Arafat habe immer dafür gekämpft, "dass sein Volk geeint bleibt", um eines Tages in einem unabhängigen Staat zu leben, "auf unserem von der Besatzung befreiten Land".

40 Tage Staatstrauer

Vor der Mukata fuhren am frühen Morgen Autos mit schwarzen Fahnen vor, während in den Radiosendern aus dem Koran gelesen wurde. Tausende Palästinenser strömten auf die Straßen, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. Manche gaben Schüsse in die Luft ab, andere trugen palästinensische Flaggen. Lautsprecher verbreiteten einige von Arafats berühmtesten Zitaten.

Die palästinensische Autonomiebehörde hat in den Autonomiegebieten eine 40-tägige Trauerzeit ausgerufen. Sämtliche Geschäfte sollten drei Tage lang geschlossen bleiben, alle Verwaltungsbüros sieben Tage. Während 40 Tagen sollten die Flaggen auf Halbmast wehen und alle Feste abgesagt werden.

Hamas: Arafat wurde vergiftet

Ein ranghohes Mitglied der radikalislamischen Hamas-Bewegung hat unterdessen Israel vorgeworfen, den palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat vergiftet zu haben. "Ich mache Israel für das Verbrechen des Mordes an Abu Ammar verantwortlich", sagte Chaled Maschaal dem Fernsehsender Al Dschasira und benutzte dabei den Namen Arafats aus der Zeit des Guerillakampfes.

Die Umstände, die zum Tod des PLO-Vorsitzenden in Clamart bei Paris geführt hätten, wiesen darauf hin, dass dies nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Doch sei Israel sicherlich so geschickt vorgegangen, dass die Mediziner die wahre Todesursache vielleicht niemals feststellen könnten, sagte Maschaal. Gerüchte über eine mögliche Vergiftung Arafats haben unter den Palästinensern seit Beginn seiner schweren Erkrankung vor einigen Wochen die Runde gemacht.

35 Jahre palästinensische Politik geprägt

Als Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) prägte Arafat seit 35 Jahren die Politik im Nahen Osten mit. Bei den Palästinensern als Widerstandskämpfer verehrt, von den Israelis als Terrorist gehasst, starb er, ohne seinen Traum von einem unabhängigen Palästinenserstaat verwirklicht zu haben.

Bei den Palästinensern blieb er laut Umfragen aber bis zuletzt der beliebteste Politiker, obwohl eine Mehrheit Korruption in seinem Führungszirkel beklagte. Als Rahman Abdel Rauf Arafat al-Kudwa al Husseini vermutlich in Kairo geboren, gab Arafat selbst seinen Geburtsort mit Jerusalem an.