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Nach dem Geiseldrama:Putin: Keine Verbindung zwischen Tschetschenien-Politik und Beslan

Der russische Präsident hat eine interne Aufarbeitung der Tragödie in Nordossetien angekündigt. Eine öffentliche Untersuchung aber lehnt er als "unproduktiv" ab. Auch habe die blutige Geiselnahme nichts mit dem Vorgehen russischer Truppen in Tschetschenien zu tun, erklärte Putin.

Wenn das russische Parlament eine eigene Untersuchung machen wolle, werde er sich nicht dagegen sträuben, sagte Putin. Er warnte jedoch, dass es zu einer "politischen Show" werden könne.

Eine mögliche Aufarbeitung der Geschehnisse in Beslan durch das Parlament würde nicht "sehr produktiv sein", sagte der Präsident weiter.

Das berichtete die britische Zeitung The Guardian nach einem Gespräch Putins mit ausländischen Korrespondenten.

Bei dem Treffen habe sich der russische Präsident auch deutlich gegen Gespräche mit Führern der tschetschenischen Rebellen ausgesprochen.

"Warum treffen Sie nicht Osama bin Laden, bitten ihn nach Brüssel oder ins Weiße Haus und nehmen Gespräche auf, und fragen ihn, was er möchte und geben es ihm, damit er Sie in Frieden lässt", erklärte Putin sarkastisch.

"Sie halten es für möglich, dass es im Umgang mit diesen Bastarden Grenzen gibt - warum also sollten wir mit Kindermördern sprechen?"

Auch gebe es keine Verbindungen zwischen der russischen Tschetschenien-Politik und den Ereignissen in Beslan, betonte Putin energisch.

"Stellen Sie sich vor, Menschen, die Kindern in den Rücken schießen, kämen irgendwo auf unserem Planeten wieder an die Macht. Fragen Sie sich selbst, und sie haben keine Fragen mehr zu unserer Politik in Tschetschenien."

Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien

Zwar hätten russische Soldaten in Tschetschenien Menschenrechtsverletzungen begangen - doch wie die Folter durch US-Soldaten in Abu Ghraib hatte dies keine Unterstützung von oben, erklärte Putin: "Im Krieg kommt es zu hässlichen Vorgängen, die ihrer eigenen Logik folgen."

Die Bemühungen um ein unabhängiges Tschetschenien betrachtet der Präsident als Speerspitze einer Strategie tschetschenischer Islamisten, die von ausländischen Fundamentalisten unterstützt werden, berichtet die Zeitung.

Deren Ziel sei es, den Süden und andere Teile Russlands zu untergraben. "Es geht um die territoriale Integrität Russlands", warnte Putin.

Von einem Krieg in Tschetschenien wollte er nicht sprechen. Vielmehr handele es sich um einen schwelenden Konflikt mit Angriffen. Seit 1999 sei es jedoch zu keinen großen Operationen mehr gekommen.

150.000 Menschen in Rom bei Solidaritätskundgebung

In Russland herrscht Staatstrauer für die offiziell 335 Opfer des blutigen Geiseldramas, von denen fast ein Drittel bislang nicht identifiziert werden konnte. Insgesamt wurden in Krankenhäusern Russlands am Montag noch 565 Verletzte behandelt, unter ihnen 347 Kinder.

Mit einem bewegenden Schweigemarsch haben in Rom zehntausende Menschen ihre Solidarität mit den Opfern des Geiseldramas von Beslan bekundet.

Mit Kerzen in der Hand zogen die Teilnehmer am Montagabend durch das historische Zentrum der italienischen Hauptstadt. Über der Demonstration erstrahlten bei Einbruch der Nacht tausende Lichter. Die städtischen Behörden schätzten die Zahl der Teilnehmer auf 150.000.

© sueddeutsche.de/dpa
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