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Mostar:Neue Sprünge vom Regenbogen

Die Zerstörung der Stari Most, der Alten Brücke, wurde zum Symbol des Balkankrieges - ihr Wiederaufbau soll zum Sinnbild der Hoffnung auf Versöhnung werde.

Mostar - Haris Dzemat wird springen. Auf dem Geländer der Brücke wird er stehen, in 25 Metern Höhe, tief unter ihm die grünen Fluten der Neretva und die dunklen Felsen.

Mostar

Ein Sprung von der "Alten Brücke" - die es zur Zeit dieser Aufnahme allerdings nicht mehr gab.

(Foto: Foto: AP)

Er wird kurz innehalten, "fünf Sekunden", sagt er, "um abzuschalten und alles drumherum zu vergessen".

Auf der Welt gibt es dann nur ihn und das Wasser.

Und dann wird er sich einen Ruck geben und hinabspringen in die Schlucht.

Kopfüber, Arme angelegt, Brust rausgestreckt. Eins, zwei, drei . . . vier Sekunden lang - "das ist nicht wie Springen, das ist wie Fliegen" -, dann taucht er ein in den Fluss. Und alles wird gut sein.

Haris Dzemat ist 29 Jahre alt, geboren in Mostar, aufgewachsen in Mostar, und nie hat er woanders gelebt als 200 Meter weit weg von der Stari Most, der Alten Brücke von Mostar.

Seitdem er denken kann, will er von dieser Brücke springen. Sein Vater hat das schon gemacht und viele andere, die mit ihrem Mannesmut die Mädchen aus der Nachbarschaft beeindrucken oder den Wettkampf der Brückenspringer gewinnen wollten, der traditionell in jedem Sommer ansteht.

Doch seitdem Haris Dzemat springen kann - und er kann es nachweislich wie kein zweiter in dieser Stadt von 120.000 Einwohnern -, ist die Brücke weg.

Halbmond über drei Völkern

Die Alte Brücke von Mostar, die sich als Wunderwerk osmanischer Baukunst so erhaben über die Neretva gespannt hatte, dass die Menschen einen Regenbogen aus Stein darin sahen oder einen steinernen Halbmond, dass die Unesco sie zum Weltkulturerbe erklärte und dass Touristen aus der ganzen Welt anreisten, diese Alte Brücke ist im Krieg gefallen.

Erbaut als Verbindung zwischen Orient und Okzident im Jahre 1566, zerstört in den Morgenstunden des 9. November 1993.

In Mostar, wo die drei Volksgruppen Bosniens zu fast gleichen Teilen miteinander gelebt hatten, kämpften gerade die katholischen Kroaten gegen die muslimischen Bosniaken, nachdem die beiden vorher noch gemeinsam gegen die orthodoxen Serben gekämpft hatten.

Die Kroaten belegten die muslimischen Viertel mit Dauerfeuer, und im Granatenhagel krachte die Brücke hinunter in den Fluss.

Haris Dzemat stand am Ufer, als junger Muslim in einer Uniform der bosnischen Armee, und hat zugeschaut. "Das war, als ob jemand einen Teil von mir zerstört hätte", sagt er.

Diese Tat wurde wie keine andere zum Sinnbild für diesen Krieg ohne jegliche Grenzen. Nun aber herrscht schon seit fast einem Jahrzehnt so etwas wie Frieden in Bosnien. Milliarden hat die Welt in den Wiederaufbau gesteckt und schließlich auch 15 Millionen Dollar dafür gespendet, die Stari Most originalgetreu wieder zu errichten.

Zwei Jahre nach Baubeginn wird sie am 23. Juli offiziell eingeweiht, gefeiert aber wird den ganzen Juli. Noch sind die Zugänge abgesperrt, noch wird gehämmert und geschliffen.

"Wirklich von der Stari Most springen"

Doch genauso wie früher spannt sich der Bogen schon heute wieder über die Neretva. Und genauso wie die Zerstörung soll nun auch der Wiederaufbau zum Sinnbild werden. Diese Brücke muss ziemlich viel an Hoffnung tragen.

Haris Dzemat kann den Tag der Eröffnung kaum erwarten. "Das wird eine große Sache, das ist sehr wichtig für mich", meint er. Endlich wird er oben stehen und "wirklich von der Stari Most springen".

Zehn Jahre lang hat er davon geträumt und sich behelfen müssen. Gewiss, der jährliche Sprungwettkampf hatte stattgefunden. Auch so wollten die Mostarer zeigen, dass man das Symbol ihrer Stadt zwar zerstören, aber die Inspiration nicht auslöschen konnte.

Von den Ruinen am Rand also sind die Brückenspringer jeden Sommer auf ein langes Holzbrett gestiegen, das in die Leere hineinragte, und haben sich, begleitet von den bangen Blicken der Zuschauer, hinabgestürzt - mit den Füßen voran die einen oder kopfüber wie Haris Dzemat und ein paar andere Mutige.

Im Sommer 1994, im ersten Jahr nach der Zerstörung, war er endlich 18 und hatte zum ersten Mal teilnehmen dürfen. Er hat gewonnen, gleich mit dem ersten Sprung.

Kein Sieger war jemals jünger und keiner hat in den Jahren nach dem Krieg so oft gewonnen wie er. Natürlich ist er stolz, wenn er davon erzählt.

Doch ist es nicht nur der Stolz auf seinen Mut und seine Überlegenheit, sondern der Stolz eines "wirklichen Mostarers". Most heißt Brücke, und wer aus Mostar stammt, der gehört zur Brücke.

Dzemat kennt kein Leben ohne Brücke. "Auch als sie zerstört wurde, war sie für mich immer da", meint er.

Er ist aufgewachsen in ihrem langen Schatten, aufgewachsen auch mit der Geschichte vom Onkel, der mit 14 Jahren von oben den Springern nachgeschaut hatte, ausgerutscht war und in der Tiefe zu Tode kam. Die Brücke steht für das Schicksal, für Gutes und Schlechtes. "Sie ist meine Art zu leben", sagt er.

"Es ist die Brücke von 1566"

Seine ersten Schritte hat er auf ihr gemacht, unter ihr im Fluss hat er schwimmen gelernt, in den kleinen Nischen am Ufer traf er sich mit den ersten Freundinnen, und immer, immer wieder hat er den Springern zugeschaut.

Die Brücke ist seine Verbindung zur Welt, denn "nur wegen der Brücke ist Mostar überall bekannt".