Mona Ozouf über die Revolution "Die Passion ist noch immer präsent"

Die französische Historikerin und Autorin Mona Ozouf ist Expertin für die französische Revolution. Den Mai 1968 in Paris betrachtet sie jedoch als "Imitation einer Revolution".

Von Simone Paulus

In der rue Cherche Midi im wohlhabenden vermögenden 6. Bezirk von Paris geht es laut und geschäftig zu. Paris ist hier kein Museum vergangener Epochen und Geschichten Historien für die fotographierenden Flaneure internationaler Herkunft. Hier wird gelebt, gearbeitet, auf offener Straße gestritten. Der Kaffee, den uns Madame im weitläufigen Salon serviert, ist sehr stark. Sie strahlt Frische und höfliche Präsenz aus.

Die Studentenrevolten im Mai 1968 in Paris betrachtet Mona Ozouf als "Imitation der Revolution".

(Foto: Foto: AP)

SZ: Madame, wir können nun anfangen. Ich habe dieses kleine Gerät zum Laufen gebracht. Revolution, Revolution, und meine erste Frage an Sie . . .

Mona Ozouf: Zunächst sollten wir uns auf eine Definition dieses Worts einigen, gut? Ein Wort, das doch sehr auffällig in der heutigen Sprache ist, denn es kann auf alles angewandt werden. Die Revolution in der Mode, beim Haarschnitt, in der Gastronomie . . . Ich erinnere mich, neulich sogar einen Artikel über die "Revolution der Tomatensoße" gelesen zu haben. Sie sprechen mit mir über ein Wort, dessen Bedeutung verrückt geworden ist.

SZ: Sie haben die Geschichte der Französischen Revolution jahrelang studiert und in vielen Büchern beschrieben. Deswegen befrage ich Sie ja zu diesem Irrsinn. Aber waren Sie bei einer Revolution dabei?

Ozouf: Auf diese Frage möchte ich zwei Antworten geben. Ich war bei keiner Revolution dabei, nein, wenn wir diesem Wort den Sinn eines grundlegenden Umsturzes der Weltordnung geben. Die französische Revolution war die Umwälzung einer weltlichen und geistlichen Hierarchie zugunsten einer egalitären Ordnung, wo der wichtigste Bezugspunkt der Mensch ist - und nicht mehr Gott. Diese beispiellose Umwälzung betrifft uns heute noch. Eine derart tiefgreifende Revolution habe ich nicht miterlebt, nein.

SZ: Und . . .

Ozouf: Und hier meine zweite Antwort auf Ihre Frage: Ja, ich war bei einer Revolution dabei, aber den Mai '68 betrachte ich als Imitation der Revolution. Der Mai '68 äffte die Revolution nach. Ich erinnere mich gut an die Versammlungen der Studenten im Mai '68.

SZ: Sie waren damals schon Professorin?

Ozouf: Ja, schon lange. Bei den Versammlungen der Studenten habe ich verstanden, was das bedeutet, eine revolutionäre Versammlung bedeutet, nämlich: sprachlicher Wettbewerb, wo stets der radikalste Wortführer die Gruppe mit sich reißt. Ich nenne Ihnen in diesem Zusammenhang ein Zitat von Péguy: "Wir können nicht oft genug wiederholen, dass die Angst, nicht genügend fortschrittlich zu erscheinen, aus den Franzosen Dummköpfe macht." Diese Angst, unentschlossen zu erscheinen, lässt die Leute hier Blödsinn reden, lässt sie von ihrem gewohnten Weg abkommen. Und in den Versammlungen im Mai '68 habe ich etwas erlebt, was mich die revolutionäre Dynamik in ihren Extremen begreifen ließ. Ich lernte dort rhetorisch höchst begabte Redner kennen, so als ob erst das Ereignis ihr Talent hervortreten hat lassen. In der Französischen Revolution ist das grundlegend. Auch die Französische Revolution brachte ihre Akteure hervor, nicht umgekehrt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, inwieweit für Mona Ozouf 1968 eine sexuelle Revolution stattgefunden hat...