Mitte-Studie Nicht rechtsextrem, aber fremdenfeindlich

Die allermeisten Deutschen halten Demokratie für eine gute Sache. Doch immer mehr stehen Muslimen, Flüchtlingen und anderen Minderheiten ablehnend gegenüber - und finden eine politische Heimat.

Von A. Rietzschel

Ein 21-Jähriger schießt mit einem Luftgewehr auf eine Asylunterkunft und verletzt dabei ein fünfjähriges Mädchen. Im sächsischen Arnsdorf fesselt eine Gruppe Männer einen psychisch kranken Asylbewerber an einen Baum. Vorfälle wie diese häufen sich in Deutschland - und die Täter stammen immer häufiger nicht mehr nur aus Kreisen klassischer Rechtsextremisten, sondern fühlen sich der Mitte der Gesellschaft zugehörig.

Extremistischen Einstellungen in dieser Mitte widmen sich Wissenschaftler der Universität Leipzig seit 14 Jahren. Im Zweijahresrhythmus veröffentlichen sie die sogenannte Mitte-Studie. Die Titel der bisherigen Veröffentlichungen dokumentieren den Wandel: Von der "Mitte in der Krise" (2010) über deren "Umbruch" (2012) hin zu der am Mittwoch vorgestellten Studie "Die enthemmte Mitte".

Die Wissenschaftler um Elmar Brähler und Oliver Decker haben dafür in diesem Frühjahr 2420 Deutsche daheim besucht und zu ihrer Einstellung zur Demokratie, aber auch zu Muslimen oder Parteien befragt - und sind bei der Auswertung zu folgenden Ergebnissen gekommen:

Jeder zweite Befragte fühlt sich "wie ein Fremder im eigenen Land"

Es gibt keine Zunahme rechtsextremer Einstellungen. Zwar ist die Zahl derer, die eine rechtsautoritäre Diktatur befürworten, in den vergangenen zwei Jahren leicht auf fünf Prozent angestiegen. Auch die Ausländerfeindlichkeit erreicht mit 22 Prozent einen hohen Wert. Aber der Anteil der Menschen mit einem geschlossenen, rechtsextremen Weltbild steigt im Moment nicht weiter an. Grundsätzlich finden sich rechtsextreme Einstellungen in allen Bevölkerungsgruppen. Junge ostdeutsche Männer im Alter von 14 bis 30 Jahren zeigen sich jedoch besonders anfällig.

Vorurteile gegen Muslime und Flüchtlinge nehmen zu. Jeder zweite Befragte gab an, sich angesichts vieler Muslime "wie ein Fremder im eigenen Land" zu fühlen, über 40 Prozent wollen Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagen. Auch die Ablehnung von Asylbewerbern hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. 60 Prozent der Befragten glauben, dass Flüchtlinge nicht wirklich befürchten, in ihrer Heimat verfolgt zu werden. Ebenfalls fast 60 Prozent hätten "Probleme damit, wenn sich Sinti und Roma in meiner Gegend aufhalten".

Rechtsextreme finden in der AfD eine politische Heimat. Laut den bisherigen Studien haben Menschen mit rechtsextremer Einstellung trotzdem überwiegend die großen demokratischen Parteien SPD und CDU gewählt. Parteien wie die NPD waren für Leute, die sich selbst der "Mitte" zurechnen, nicht wählbar. Doch bereits in ihrer Studie 2014 hatten die Forscher vorausgesagt, dass die AfD zur Konkurrenz für die Volksparteien werden könnte. In ihrer aktuellen Studie zeigen Brähler und Decker jetzt, dass Wähler, die ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild aufweisen, sich zunehmend der AfD zuwenden. 45 Prozent von ihnen würden demnach für die AfD stimmen. Ob es um Ausländerfeindlichkeit oder deutsche Überlegenheitsgefühle geht - überall zeigt sich ein großer Unterschied zwischen der Wählerschaft der AfD und den anderen Parteien. Die Forscher begründen dies unter anderem damit, dass sich die AfD-Anhänger insgesamt radikalisiert hätten.

Dennoch ist das Vertrauen in die Demokratie hoch. Bei der Antwort auf die Frage, ob die Deutschen der "Demokratie als Idee" zustimmen, zeigt sich im Zeitverlauf ein kleiner Anstieg von 91 auf 94 Prozent. Besonders der Osten Deutschlands hat hier in den vergangenen Jahren aufgeholt. Die Zustimmung für die "Demokratie, wie sie in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert", ist dann aber nicht mehr so hoch. Sie liegt bei 54 Prozent. Insgesamt genieße das politische System aber Vertrauen, heißt es in der Studie. Das liege möglicherweise in der wirtschaftlichen Situation des Landes begründet. Immerhin 51 Prozent der Befragten beurteilen diese in Deutschland als sehr gut oder gut.

Gleichzeitig ist aber die Frustration über das politische System unter den Befragten groß. Nur 27 Prozent glauben, Einfluss auf Regierungshandeln zu haben. 60 Prozent der Befragten sehen keinen Sinn darin, sich politisch zu engagieren. Das weise auf ein massives Teilhabedefizit hin, so die Einschätzung der Forscher.