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Meine Presseschau:Staatsräson

Nach dem Fall von Ost-Aleppo sind die Meinungen in der arabischen Presse tief gespalten. Dort, wo die Regierung einen Regimewechsel fürchtet, steht man auf der Seite von Assad. Länder, die den Vormarsch der Schiiten fürchten, lehnen ihn ab.

Ausgewählt von Dunja Ramadan

Nach dem Fall von Ost-Aleppo sind arabische Medien tief gespalten. In Ländern, in denen der Staatsapparat selbst um sein Bestehen fürchtet, sind die Zeitungen auf der Linie von Baschar al-Assad; in Ländern, in denen das Vordringen der Schiiten als Horrorszenario gilt, liegen die Sympathien bei den Rebellen.

"Iran hat Flüsse voller Blut hinterlassen", schreibt Ali El-Balawi in der saudischen, regierungsnahen Zeitung al-Yaum. Das sunnitische Saudi-Arabien fürchtet vor allem den iranischen Einfluss in der Region. Der Autor bezeichnet das Eindringen der iranischen Milizen in Aleppo denn auch als "Höhepunkt seit der Islamischen Revolution 1979". Jetzt gebe es schiitische Kräfte nicht nur in Mossul und Falludscha, sondern auch in "der einstigen Rebellen-Hochburg, von der nur noch die Erinnerung an einen islamischen Widerstand übrig bleibt". Der Journalist ist der Meinung, Russland habe die Eroberung Aleppos "vorangetrieben", mit der Gewissheit, dass die neue Regierung um Donald Trump nicht eingreifen werde. Saudi-Arabien hatte gehofft, dass Trump im Kampf gegen Iran ein verlässlicher Partner sein würde. Doch Trumps Nähe zu Russland scheint seinen Anti-Iran-Kurs zu mildern, glaubt man in Saudi-Arabien.

Al-Khaleej aus Dubai sorgt sich derweil um Äußerungen des stellvertretenden Kommandeurs der Iranischen Revolutionsgarden, Hossein Salami. Dieser sprach gegenüber der iranischen Nachrichtenagentur Fars bereits von den nächsten Zielen in der Region: Nach der Eroberung Aleppos seien nun Bahrain und Jemen an der Reihe. Auch die Einwohner des irakischen Mossul würden "bald in den Geschmack des Sieges kommen", sagte er.

Ein anderes Stimmungsbild lässt sich in Ägypten beobachten: In der regierungsnahen Zeitung Al-Ahram schreibt der Kolumnist Makram Mohamed Ahmed, der Sieg der syrischen Armee sei ohne weitere Kämpfe erreicht worden. Die Rebellen hätten aufgegeben und wären "mitsamt ihrer Kleinwaffen" nach Idlib abgezogen. Berichte über Tötungen seitens der syrischen Armee würden lediglich von westlichen Reportern kolportiert. Den UN-Bericht über 82 tote Zivilisten erwähnt der Artikel allerdings nicht. Ägypten hat unter dem Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi einen außenpolitischen Kurswechsel vollzogen und steht mittlerweile auf Wladimir Putins Seite. Seit dem Militärputsch von 2013 gegen den Muslimbruder Mohammed Mursi ist der Kampf gegen den islamistischen Terror ein innen- und außenpolitisches Totschlagargument. Der Assad-Regierung beizustehen, bedeutet aus Kairos Perspektive, eine bestehende Staatsordnung gegen revolutionäre Kräfte zu schützen. Das kann nur im Interesse der derzeitigen ägyptischen Regierung sein.

Die syrische Zeitung Al-Baath, benannt nach der Partei des Präsidenten Baschar al-Assad, feiert erwartungsgemäß den Sieg von Aleppo. Der syrischen Armee sei es nach vier Jahren gelungen, Tausende Geiseln aus Aleppo zu befreien. Zuvor hätten Terroristen die Bewohner als menschliche Schutzschilder missbraucht. Kritisiert werden die Vereinten Nationen, die dem weltweiten Terrorismus angeblich mit mangelnder Härte entgegentreten. "Vor allem die arabischen Länder müssen die Türkei als Besatzungsmacht entlarven", fordert Autor Ahmed Hassan. Türkische Truppen seien derzeit in Syrien und im Irak stationiert - gegen deren Willen. Die Kolumnistin Randa Haider der libanesischen Tageszeitung An-Nahar bezeichnet den Sieg Assads als "Sieg radikaler Schiiten". Vor allem Israel müsse sich nun Sorgen machen, ob die Präsenz der libanesischen Hisbollah an der syrisch-israelischen Grenze zunehme, schreibt Haider.

© SZ vom 17.12.2016

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