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Kriegsverbrechen in Burundi:Im Schatten von Ruanda

Adele ist wunderbar, weil sie die Versöhnungspolitik des Erzbischofs bis zur letzten Konsequenz lebt. Die Frau in den Vierzigern singt mit geschlossenen Augen vom Frieden und klatscht. Besser gesagt, sie versucht zu klatschen. Rhythmisch schlägt ihre linke Hand auf den Stummel am rechten Arm, den ihre Peiniger übrig ließen, als sie ihr im Krieg die Hand abhackten. Adele besitze ein großes Herz, sagt Erzbischof Ntamwana.

Sie hat den Schlächtern tatsächlich verziehen. Sie hat sogar in einer Fernsehansprache die Regierung gebeten, die Täter aus dem Gefängnis zu entlassen. Sie tut so etwas, weil sie Christin ist, was den Bischof natürlich freut. Bis jetzt sind die Behörden dem Wunsch von Adele allerdings noch nicht nachgekommen.

Der Bischof weiß selbst am besten, welche Schmerzen der Krieg bereitet. Immer wieder hat er Todesdrohungen erhalten, weil er die kämpfenden Tutsi und Hutu Brudermörder nannte. Seinen Vater, seinen Bruder und mehrere Dutzend weitere Verwandte hat er verloren. Und doch will er nur eins: Versöhnung.

Und wie steht es mit der Gerechtigkeit? Da drückt sich der Erzbischof um eine klare Antwort. Sicher, die Wahrheit müsse auf den Tisch. Täter und Opfer müssten "Verantwortung übernehmen", meint der Bischof. Aber es gehe nicht um Bestrafung, sondern um Versöhnung. So spricht ein Mann Gottes, kein irdischer Richter.

"Kultur der Straflosigkeit"

Manche stört diese Haltung. "Wenn sich die Täter in Sicherheit wiegen können, dass sie nicht bestraft werden, ist Frieden nicht möglich", kritisiert Susanne Jesih von Amnesty International. Eine rein religiöse Versöhnung hält sie geradezu für ein "fatales Signal an alle skrupellosen Despoten".

Mit dieser Meinung steht sie nicht allein. Erst im Mai ist Louis Arbor, die Menschenrechtskommissarin der Vereinten Nationen, nach Burundi gefahren und hat die "Kultur der Straflosigkeit" angeprangert. Sie hat Präsident Pierre Nkurunziza daran erinnert, dass Burundi eine Kommission für Wahrheit und Versöhnung und ein Sondergericht schaffen müsse, das die Kriegsverbrechen aufarbeitet.

So war es schließlich mit den Vereinten Nationen ausgemacht, als Nkurunziza vor zwei Jahren in einigermaßen freien Wahlen zum Staatschef bestimmt wurde. Für das Nachbarland Ruanda gibt es längst ein UN-Sondertribunal, das die Verbrechen während des Genozids aufarbeitet.

Noch im Juli würden Gespräche aufgenommen, hat Nkurunziza der Menschenrechtskommissarin im Mai versprochen. Nun ist der Juli vorbei, geschehen ist nichts. Bisher verlässt sich der Präsident darauf, dass die ethnischen Quoten in der Armee und im Parlament den Frieden sichern. Im Heer sind Tutsi und Hutu je zur Hälfte vertreten.

Im Parlament stellen die Hutu 60 Prozent, weil sie die Mehrheit in der Bevölkerung sind. Die Verteilung der Macht hält Nkurunziza offenbar für wichtiger als das Aufarbeiten der Kriegsverbrechen.

Lesen Sie im dritten Teil, wie Theaterspielen zur Versöhnung im Land beitragen soll.

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