bedeckt München

Kosovo erklärt Unabhängigkeit:Freibier, Fahnen und Furcht

Eine überparteiliche Kommission hat die Fahne des neuen Staates ausgewählt. Das Tuch ist ohne Adler, das war eine Vorgabe des UN-Vermittlers Martti Ahtisaari. Der Finne hat in seinem Vorschlag für eine "überwachte Unabhängigkeit" festgehalten, dass die Staatssymbole den "multi-ethnischen Charakter" des Kosovo widerspiegeln müssten. Das heißt: kein doppelköpfiger schwarzer Adler der Albaner, kein doppelköpfiger weißer Adler der Serben und auch keine Nationalfarben der Nachbarstaaten.

Über 1500 Vorschläge wurden eingereicht, ausgewählt wurde eine Fahne mit blauem Hintergrund, die Farbe soll den Traum der Menschen symbolisieren, die eines Tages Teil der EU sein wollen. In der Mitte prangt die Landkarte des Gebiets, die von sechs Sternen geschmückt wird. Sie stehen für jede Ethnie des Kosovo, für die albanische Mehrheit, für die Serben, Roma, Bosnier, Türken und für die restlichen Minderheiten.

Doch von Minderheiten ist kaum irgendwo die Rede. Pristina ist am Sonntag eine Art Zentrum des albanischen Nationalismus. Tausende sind aus den albanisch besiedelten Gebieten in Mazedonien in die Hauptstadt des Kosovo gereist, aber auch aus Albanien, aus Montenegro und aus der Diaspora in Westeuropa. Die Szenerie erinnert zwar eher an feiernde Fußballfans, aber sie macht den verbliebenen Serben Angst. "Wir können die Weltpolitik leider nicht beeinflussen", sagt Boban Vignjevic, ein Vertreter der Serben in der Kleinstadt Lipjan. In dieser Gemeinde leben nur noch etwa 9000 Serben, die meisten sind seit dem Ende des Krieges im Sommer 1999 nach Serbien geflüchtet. Sie kommen nur dann zurück, wenn sie ihre Häuser und Felder an Albaner verkaufen.

Die zurückgebliebenen Serben hängen am Tropf der Regierung in Belgrad, sie zahlt Lehrer, Ärzte und Beamte. Wer mit den albanisch dominierten Behörden zusammenarbeite, werde schnell als Verräter abgestempelt, sagt Vignjevic. Seine Heimat möchte er aber trotzdem nicht verlassen. "Ich habe in Belgrad nichts verloren", sagt er. Seine Söhne gehen dort längst zur Schule.

Die Armut, mangelnde Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt und die Angst vor einer ungewissen Zukunft zwingen viele Serben zur Flucht. Dennoch hofft der Familienvater, dass seine Kinder eines Tages nach Lipjan zurückkehren. Um den Anspruch auf den Kosovo zu markieren, sind am Sonntag auch mehrere serbische Politiker in die serbischen Enklaven gereist. Das dürfte nicht der letzte Versuch sein, das verlorene Amselfeld, die viel besungene Geburtsstätte der serbischen Nation, zurückzuholen.

(SZ vom 18.2.2008/lala)

© Angst unter den Serben
Zur SZ-Startseite