Kommentar Wenn Vorreiter überholt werden

Während ihre Kollegen in Korea und Großbritannien bereits Embryos klonen, kämpfen deutsche Forscher mit Paragrafen. Wegen des weltweit restriktivsten Stammzellgesetzes kann die deutsche Genforschung international nicht mithalten.

Von Von Christina Berndt

Das Stammzellgesetz war einmal ein guter Kompromiss. Als die Vorbehalte gegen Forschungsarbeiten mit menschlichen Embryozellen in der Bevölkerung immens waren, die Hoffnungen auf neue Therapien aber ebenso groß, da war es richtig, ihn einzugehen. Gleichwohl war es ein fauler Kompromiss.

Der erste geklonte Embryo in Großbritannien.

(Foto: Foto: dpa)

Angesichts neuer Entwicklungen in den Labors und einer sich ändernden öffentlichen Meinung ist es deshalb nur konsequent, wenn der Bundeskanzler die Diskussion über diese Forschung erneut anstößt.

Als der Bundestag Anfang 2002 das Stammzellgesetz verabschiedete, wollte er die Chancen der Embryoforschung nicht in den Wind schlagen. Schließlich könnten Stammzellen aus Embryonen eines Tages womöglich helfen, schwere Krankheiten wie Parkinson oder Diabetes zu behandeln. Doch gleichzeitig wollten sich die Abgeordneten die Finger nicht schmutzig machen.

Vom Primus zum Schlusslicht

So erlaubten sie nur den Import embryonaler Stammzellen, nicht deren Herstellung. Und damit für deutsche Forscher im Ausland keine neuen Embryonen getötet werden, dürfen nur Zellen eingeführt werden, die vor dem 1. Januar 2002 entstanden. Diese mittlerweile veralteten Zellen aber sind nicht für alle Forschungsarbeiten zu gebrauchen.

Mittlerweile gewinnen embryonale Stammzellen an Akzeptanz. In Deutschland sprechen sich vor allem jüngere Menschen zunehmend für diese Forschung aus. Im Ausland belegen Volksabstimmungen sogar eine erstaunliche Entwicklung: Sowohl in Kalifornien als auch in der Schweiz stimmten im November 2004 jeweils mehr als 60 Prozent für diese Forschung.

Deutschlands Gesetzgebung aber gehört inzwischen zu den restriktivsten der Welt. Die deutschen Wissenschaftler, die einmal Vorreiter in der Zellbiologie und Embryologie waren, sind ins Hintertreffen geraten. Anderswo feiern Stammzellforscher derweil ansehnliche Erfolge, wie jüngst in Südkorea.

Subventionierter Zukunftsmotor

Das ist kein Zufall, denn gerade in Asien finden Biowissenschaftler starken Rückhalt auch durch die Politik. Ihre Arbeit wird als Zukunftsmotor angesehen und nach Kräften unterstützt.

In Berlin ist vielen Politikern inzwischen klar, dass das Stammzellgesetz in seiner jetzigen Form nicht zu halten ist. Nur öffentlich mag das kaum jemand so deutlich sagen. Der Kanzler ist mutiger, wenn er - wie zuletzt in seiner Regierungserklärung im März - sogar das therapeutische Klonen unterstützt, bei dem Embryonen eigens hergestellt und wieder zerstört werden. Das verstößt nicht nur gegen das Stammzell-, sondern auch gegen das ältere Embryonenschutzgesetz.

Dass es die umstrittene Technik eines Tages wirklich in die Klinik schaffen könnte, legen die koreanischen Klone nahe. Zweifellos ist die Wissenschaft noch weit von Heilungsversuchen an Menschen entfernt. Doch sie hat ein Tempo erlangt, das selbst Insider erstaunt. Es ist an der Zeit, zumindest das Stammzellgesetz mit seiner Stichtagsregelung der neuen Entwicklung anzupassen.