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Kolumne:"Little Yugoslavia" in Wien

Verglichen mit Deutschland, hat die Debatte um die Flüchtlinge in Moria in Österreich einen Tiefpunkt erreicht.

Von Marija Barišić

Vor neun Monaten habe ich in Wien meine Sachen gepackt und bin für mein Volontariat bei der Süddeutschen Zeitung nach München gezogen. Was ich seitdem am meisten vermisse? Meine Freunde und Familie, eh klar. Den Wiener Schmäh! Das Gefühl, an jeder Straßenecke mindestens zwei Erinnerungen abrufen zu können. Oder einfach mal blind in die U-Bahn zu steigen, ohne überlegen zu müssen, ob das jetzt eh die richtige war. Kurz gesagt: alles, was vor meinem Umzug selbstverständlich war und jetzt nicht mehr ist. Wobei Selbstverständlichkeiten viel damit zu tun haben, was wir gewohnt sind, und das ist - wie wir wissen - ganz und gar nicht immer gut. Und damit meine ich nicht die Reisewarnung für Wien, die Deutschland an diesem Mittwoch verhängt hat.

Ich meine damit, dass wir es in Österreich mittlerweile gewohnt sind, dass eine konservative Partei wie die ÖVP sich in ihren Positionen kaum noch von einer rechtsextremen FPÖ unterscheidet. Oder hat es Sie etwa gewundert, dass Bundeskanzler Sebastian Kurz in Österreich kein einziges Kind aus dem abgebrannten Flüchtlingscamp Moria aufnehmen wollte? Nein? Mich auch nicht.

Da hilft es wenig, dass die Grünen mit Kurz in einer Regierung sitzen, wie meine Kollegin Cathrin Kahlweit aufgeschrieben hat.

Erst als mir auffiel, wie die Debatte in Deutschland verläuft, und sogar Bundesinnenminister Horst Seehofer sich von der Koalition in Wien "enttäuscht" zeigt, begriff ich, welchen Tiefpunkt sie in Österreich erreicht hat. Während die Opposition hier nämlich kritisierte, dass die deutsche Bundesregierung nur 1500 Flüchtlinge aufnehmen will, kündigte der österreichische Außenminister Alexander Schallenberg an, lieber Geld und bei Bedarf eben "Decken, Zelte oder Sonstiges" zu schicken. Und überhaupt müsste man die Debatte seiner Meinung nach "de-emotionalisieren", wie er in der ZiB2 sagte. Das Wort "Emotion" kommt übrigens aus dem Lateinischen (emovere) und heißt so etwas wie "(heraus)bewegen". Ich bin anderer Meinung als Herr Schallenberg und hoffe sehr stark, dass die menschenunwürdigen Bilder, die uns täglich aus Moria erreichen, sehr wohl etwas aus Ihnen herausbewegen. Und zwar mehr als den Drang, sich abzuschotten. Anders gesagt: Lassen Sie sich bitte nie de-emotionalisieren und schon gar nicht während des Wahlkampfs für die Landtags- und Gemeinderatswahl am 11. Oktober in Wien.

Auch in diesem Wahlkampf war - wie könnte es in Österreich anders sein? - mal wieder von den schlecht integrierten Migranten die Rede. Vergangene Woche trat Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP) vor die Presse, um den diesjährigen Integrationsbericht vorzustellen. Natürlich ist er wieder schlecht ausgefallen, was sonst. Auch daran haben wir uns in Österreich mittlerweile gewöhnt. Mehr als die Hälfte der Wiener Schülerinnen und Schüler haben also eine nichtdeutsche Umgangssprache, heißt es in dem Bericht. Zwei Drittel der Kinder mit Migrationshintergrund würden die Bildungsstandards im Lesen nicht erreichen. Es werde, so Raab im Standard, "immer eine Herausforderung bleiben, wenn Kinder die ersten Jahre ihres Lebens ausschließlich ihre nichtdeutsche Muttersprache sprechen." Und: Man wolle kein "Little Italy" oder "China Town" in Wien.

Ich selbst bin mit nichtdeutscher Muttersprache aufgewachsen - so wie fast alle meine Freunde aus der Kindheit auch. Mit unseren Eltern sprachen wir zu Hause Serbokroatisch, mit unseren Klassenkameraden in der Schule Deutsch. Wenn man so will, verbrachten wir einen großen Teil unseres Lebens in "Little Yugoslavia". Nur die allerwenigsten von uns schafften den Bildungsaufstieg. Nicht etwa, weil wir zu Hause mehr Deutsch als die anderen sprachen, sondern, weil wir - im Gegensatz zu ihnen - von dem glücklichen Zufall gesegnet waren, Eltern zu haben, die sich für unsere Bildung interessierten. Die neben ihren körperlich anstrengenden Jobs auch noch die Zeit und Energie fanden, uns abends bei den Hausaufgaben zu unterstützen oder zumindest zu kontrollieren, ob wir sie selbst geschafft hatten.

Wir waren nicht intelligenter als unsere Freunde, wahrscheinlich auch nicht mal motivierter, wir hatten einfach mehr Glück. Dass die einen den Bildungsaufstieg schafften und die anderen nicht, hatte jedenfalls nie was mit unserer Muttersprache zu tun. Die ist toll. Auch wenn Susanne Raab sich das nicht vorstellen kann.

Diese Kolumne ist zuerst am 18. September 2020 im Österreich-Newsletter erschienen.

© SZ vom 19.09.2020
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