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Koloniales Erbe:Ein Schein von Unabhängigkeit

AFRIQUE-UEMOA-MONNAIE

Der Franc CFA sollte in acht Ländern Westafrikas eigentlich seit 1. Juli abgeschafft sein. Doch dann kam ein neuer Streit dazwischen.

(Foto: Issouf Sanogo/afp)

Westafrikanische Länder wollen ihre Währung CFA endlich loswerden, die sie an die alte Kolonialmacht Frank­reich bindet. Ein neues gemeinsames Zahlungsmittel ist geplant. Doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht.

Von Anna Reuß

Die Gemeinde Chamalières liegt gut vier Autostunden von Paris entfernt. Im Wahlkreis des früheren Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing wird hinter roten Backsteinmauern und hohem Stacheldraht der CFA gedruckt. Das Akronym steht für "Franc de la Coopération Financière en Afrique". Lange bedeutete CFA allerdings Colonies Françaises d'Afrique: französische Kolonien Afrikas. Der CFA war als Kolonialwährung geschaffen worden. Und obwohl einige ehemalige Kolonien in diesem Jahr 60 Jahre Unabhängigkeit von Frankreich feiern, druckt ihre Währung nach wie vor die Banque de France, Tausende Kilometer von Westafrika entfernt.

Viele würden den CFA gerne loswerden - und mit ihm das koloniale Erbe. Die Financial Times nannte es daher den "westafrikanischen Brexit", was der Präsident der Elfenbeinküste Alassane Ouattara und sein französischer Amtskollege Emmanuel Macron im Dezember in Abidjan bekannt gaben: Acht westafrikanische Länder wollten von 1. Juli an eine neue gemeinsame Währung einführen. Doch daraus wurde erst einmal nichts.

Ein Grund dafür ist sicherlich die Pandemie. Der andere dürfte ein monatelanger Streit sein, der dem geplanten Starttermin vorangegangen war: Am 29. Juni 2019 hatten die Staatschefs der Ecowas, der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft, eine gemeinsame Währung mit dem Namen Eco beschlossen. Allerdings soll der Eco weiter an den Euro gebunden sein, der Name wäre lediglich ein neues Etikett. Die fünf anglophonen Länder der Ecowas wollten noch warten, vor allem Nigerias Präsident Muhammadu Buhari hatte gefordert, die Einführung des Eco zu verschieben. Die Staaten der CFA-Zone hingegen hatten bereits den Juli als Starttermin angepeilt. Analysten sprechen angesichts des Streits zwischen den anglophonen und den frankophonen Staaten von einer Vertrauenskrise und einer "Kluft" innerhalb der Ecowas.

Das Bild der beiden Präsidenten Frankreichs und der Elfenbeinküste im Dezember hatte viel Kritik ausgelöst. Der Aktivist Hervé Ouattara aus Burkina Faso nannte es eine "Respektlosigkeit", dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron neben seinem ivorischen Amtskollegen "im Namen der Afrikaner" eine solche Entscheidung verkündete. Bei seinem Amtsantritt 2017 hatte Macron noch versprochen, "Françafrique" zu beenden: die jahrzehntelange Patronage afrikanischer Kleptokraten im Dienste französischer Interessen, die systematische Einflussnahme Frankreichs in den ehemaligen Kolonien.

Der CFA hat viele Feinde, vor allem in Afrika, aber auch in Europa. Teile der französischen Gelbwesten-Bewegung forderten etwa die Abschaffung des Kolonialrelikts. Italiens Außenminister warf den Franzosen vor, mit dem CFA "Afrika zu verarmen" und so die Migrationskrise zu verschärfen. Kritiker halten den Mechanismus hinter der Währung für problematisch, da er die Staaten eng an Frankreich bindet. Der Wert des CFA ist mit einem festen Wechselkurs an den Euro gekoppelt. Zudem müssen die Staaten einen Teil ihrer Reserven bei der französischen Zentralbank hinterlegen. Seit sie eigenständige Staaten wurden, hätten sie sich aus dieser Abhängigkeit von Frankreich nie emanzipieren können, lautet der Vorwurf.

Frankreich hat auch das Recht, den CFA abzuwerten - so geschehen vor 26 Jahren als Reaktion auf eine Wirtschaftskrise. Das "Gespenst von 1994" hatte Folgen für Millionen Afrikaner. Über Nacht halbierte sich die Kaufkraft: Ein französischer Franc kostete plötzlich 100 statt 50 CFA. In Ländern, die große Teile der Bedarfsgüter importierten, verdoppelten sich die Preise.

Als Mitautor eines Sammelbands beschäftigt sich der senegalesische Volkswirt Demba Moussa Dembélé mit der Frage, wer vom CFA wirklich profitiert hat. Das seien vor allem europäische Unternehmen und einige wenige Mitglieder der Elite in den jeweiligen afrikanischen Ländern gewesen. Die Autoren argumentieren, dass der CFA über die Jahrzehnte so gut wie keine Erfolgsgeschichten hervorgebracht und stattdessen ein "System der politischen Unterdrückung" gestärkt habe. Die vielen Putschversuche in diesen Staaten seit ihrer Unabhängigkeit seien indirekt durch den CFA begünstigt worden.

"Aufgrund der Koppelung des Wechselkurses sind die afrikanischen Zentralbanken gezwungen, die gleiche Geldpolitik wie die Europäische Zentralbank zu verfolgen, indem sie der Inflationsbekämpfung Priorität einräumen", kritisiert Dembélé. Dieses Ziel sei "absurd" in Ländern, die "unterentwickelt" seien und Investitionen benötigen, um Arbeitsplätze zu schaffen. Die Brüsseler Geldpolitik dient eben nicht unbedingt afrikanischen Interessen.

Einer der wenigen afrikanischen Ökonomen, die den CFA verteidigen, ist Edoh Kossi Amenounvé, Generaldirektor der Börse der Westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion. In einem Gastbeitrag im Magazin Jeune Afrique schrieb er, die Kritik am CFA sollte die Realität nicht überschatten. Angesichts der Entwicklung der Weltwirtschaft in den letzten zehn Jahren habe die CFA-Zone eine gewisse Widerstandsfähigkeit und Stabilität bewiesen. Die meisten Afrikaner teilen jedoch eher die Einschätzung Dembélés: Der CFA sei ein "Instrument der französischen Herrschaft über ihre ehemaligen Kolonien", sagt er. Mit dem CFA gebe es keine echte Souveränität. Wenn Eco nur ein neuer Name für die alte Währung bleibt, ändert sich daran wohl nichts.

© SZ vom 20.07.2020
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