bedeckt München

Klaus Wowereit:"Ein schwuler Kanzler wäre möglich"

Berlins Regierender Bürgermeister lobt die Kanzlerin, spricht von Mobbing in der SPD - und erklärt, die Republik sei bereit für einen homosexuellen Regierungschef.

Pünktlich zur Veröffentlichung seiner Autobiographie hat Klaus Wowereit dem Stern ein großes Interview gegeben - ein Gespräch mit kernigen Aussagen.

So warf der SPD-Politiker seiner Partei eine "stabile Mobbingkultur" vor. "Die Parteispitze könnte mal ein 14-tägiges Ruderseminar gebrauchen. Beim Rudern merkt man ganz brutal, wenn einer die anderen hängen lässt und man den Riemen ins Kreuz bekommt. Das kann recht lehrreich sein", sagte Wowereit und forderte: "Wir brauchen ein Klima, in dem Kritik als konstruktiv empfunden wird".

Aufmerksam dürften die Genossen von Berlins Regierendem Bürgermeister auch seine Aussagen zur Kanzlerin im Speziellen und zur Kanzlerschaft im Allgemeinen lesen: Als Person sei Angela Merkel ihm "sympathisch. Über diese Frau ist kübelweise Gülle ausgeschüttet worden", sagte Wowereit.

Die Deutschen hält der er inzwischen für ausreichend tolerant, um einen Homosexuellen als Bundeskanzler zu akzeptieren. "Ich glaube, das wäre möglich", antwortete er auf die Frage des Hamburger Magazins, ob ein Homosexueller Kanzler werden könne. Die deutsche Gesellschaft sei liberaler geworden. Allerdings bekomme er auch noch "genügend Schmähbriefe, mit sexistischem Inhalt übelster Art", sagte der SPD-Politiker.

Äußerungen mit Hintersinn

Wowereits Äußerung dürften nicht ohne Hintersinn gefallen sein. Auch wenn er nicht in der Riege der Stellvertreter hinter Parteichef Kurt Beck berufen wurde, dürfte an dem populären Berliner kein Weg vorbeiführen, sollte das Spitzenpersonal wie Steinbrück und Steinmeier scheitern.

Wowereit werden seit längerem Ambitionen nach Höherem nachgesagt. Das rot-rote Berliner Modell auf die Bundesebene zu übertragen, lehnt seine Partei bislang ab.

Kurz vor seiner Wahl zum Berliner Stadtoberhaupt hatte Wowereit auf einem Landesparteitag im Juni 2001 seine Homosexualität publik gemacht mit den inzwischen berühmten Satz: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so".

Die Offenheit kam an, war aber durchaus ein Wagnis, wie Wowereit einräumt: "Mein Outing hätte die Öffentlichkeit auch überfordern können. Das war schon ein Risiko".

In seiner Familie sei dagegen zuvor nie offen über seine Homosexualität gesprochen worden. Seine 1995 gestorbene Mutter habe es gewusst. "Aber wir haben nicht darüber geredet. Es war eben kein Thema. Sie wusste es - und fertig", sagte Wowereit dem Magazin. Sein Lebensgefährte, der Arzt Jörn Kubicki, habe ihn bei der Pflege seiner Mutter unterstützt. Wowereit fügte hinzu: "Sie mochte ihn. Sie hat ihn 'mein Studentchen' genannt."

© sueddeutsche.de
Zur SZ-Startseite