Kirchenstreit Missbrauch des Christentums

Orthodoxe in Russland und der Ukraine benutzen Religion als Schmiermittel des Nationalismus. Die Lehre daraus: Aufgeklärte Religiosität ist nicht selbstverständlich.

Von Matthias Drobinski

Orthodoxe Christen (Patriarchat Moskau) sollen nicht mehr neben orthodoxen Christen (Patriarchat Konstantinopel) beten - die weltweite Kirchenspaltung, die sich trotz aller Einigkeitsappelle abzeichnet, ist mehr als ein bizarrer Glaubensstreit, der in den russisch-ukrainischen Weiten und Sümpfen entstanden ist und nun die Welt-Orthodoxie erfasst hat. Es geht nur vordergründig um die Frage, ob der Patriarch von Konstantinopel jene ukrainisch-orthodoxe Kirche anerkennen darf, die nicht mehr dem Moskauer Patriarchat angehören will, und was das für jene Christen in der Ukraine bedeutet, die sich nicht von Moskau lösen wollen; um Glauben oder Theologie geht es schon gar nicht. Es geht um die Verbindung von Religion und Macht, von politischer und religiöser Ideologie - und damit ums weltweite Selbstverständnis des Christentums.

Die russisch-orthodoxe Kirche hat sich in der Ära Wladimir Putins zur Begründungslieferantin der russischen Staatsideologie entwickelt: Der nationale Gemeinschaftsgeist steht über dem Individuum und seinen Rechten, die kirchliche Moral macht Russland dem Westen überlegen - und Russlands Stärke und imperialer Drang sind nötig, um den rechten Glauben zu sichern. Im Selbstverständnis der russisch-orthodoxen Kirche ist Moskau das Dritte Rom - wie es schon 1510 der Mönch Filofej an den Großfürsten Wasilij II. schrieb: "Zwei Rome sind gefallen, und das Dritte steht. Ein viertes aber wird es nicht geben."

Zum Dank dafür hat Putin Kirchen teuer renovieren lassen, in denen er nun brav Ikonen küsst; Gesetze sorgen dafür, dass andere Kirchen klein bleiben im Land. Deshalb ist es dem Moskauer Patriarchat so wichtig, machtvoll in der Ukraine präsent zu sein: Sie will den eigenen Anspruch, den Anspruch Putins und das schöne Bündnis von Macht und Altar sichern. Die ukrainisch-nationalen Orthodoxen, die nun Unabhängigkeit und Gleichberechtigung reklamieren, sind nicht besser: Auch sie sehen sich als religiöse Legitimatoren ihres Staates; sie setzen alles daran, die russischen Mitchristen zu bestenfalls geduldeten Stiefgeschwistern im Glauben herabzustufen.

Die Christen im Westen Europas haben sich angewöhnt, ihre Religion als Motor des Friedens und der Versöhnung zu begreifen, die Grenzen und Nationen überwindet. Im orthodoxen Kirchenstreit können sie nun sehen, dass das nicht selbstverständlich ist. Das Christentum ist auch als ideologisches Schmiermittel für Konflikte zu benutzen; es ist missbrauchbar für Ideologie, Nationalismus, Ausgrenzung, Hass - und der Ökumenische Rat der Kirchen, in dem die orthodoxen Kirchenvertreter beispielsweise neben den evangelischen Christen aus Deutschland sitzen, kann daran nichts ändern. Er ändert nichts an Ungarns und Polens National-Christentum. Und wenn die Christen aus dem Westen noch ein bisschen weiter in die Welt schauen, sehen sie einen dreiviertelfaschistischen brasilianischen Präsidentschaftskandidaten Bolsonaro, den die evangelikalen Christen an die Macht wählen könnten, unterstützt vom Geld jener evangelikaler Christen aus den USA, die Donald Trump groß machten.

Das Modell der aufgeklärten Religiosität samt universaler Menschenliebe und globaler Solidarität ist nicht selbstverständlich. Es muss gegen ein neues Nationalchristentum verteidigt werden. Auch das lehrt der orthodoxe Kirchenstreit.