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Kirchenasyl:Familie Osso versteckt sich

Eine Nürnberger Kirchengemeinde bietet sechs Syrern Asyl und schützt sie so vor der Zwangsabschiebung nach Bulgarien. Dort waren die Geflüchteten gedemütigt und misshandelt worden.

Die Ossos lebten in Aleppo, wo sie in ihrem Gemüseladen Olivenfrüchte und -öl verkauften. Als der Krieg nach Aleppo kam, zogen sie aufs Dorf, wo sie bisher nur im Sommer wohnten, um Oliven anzubauen. Dann kam der Terror ins Dorf, die Ermordeten lagen auf der Straße, oft nur noch Teile menschlicher Körper. Zuerst sind die Ossos in die Höhlen in einem nahen Gebirge geflohen, dann weiter. Sie haben Europa erreicht, Deutschland, aber am Ziel, nämlich in Sicherheit, sind sie noch nicht. Sie sind untergetaucht, aber für alle sichtbar. Sie leben im Kirchenasyl.

Die Fluchtburg der kurdisch-jesidischen Familie Osso ist nach Johannes dem Täufer benannt, es ist eine Wohnung in einem Gemeinde-Haus der evangelischen Johanneskirche in Nürnberg-Eibach. Die Familie - Eltern und vier Kinder im Alter zwischen zwölf und 19 - sind geschützt vor der Gewalt in Syrien, aber sie haben Angst vor Polizisten und Beamten eines Staates, der zur Europäischen Union gehört. Bulgarien. Dort waren sie 2013 auf dem Weg nach Deutschland hängen geblieben, bekamen, obwohl gar nicht gewollt, Schutz zugesprochen. Den "Schutz" haben sie als Angriff auf ihre Gesundheit und Würde erlebt. Deshalb lebt die Familie Osso jetzt im Kirchenasyl, wie so viele Flüchtlinge, die sich schützen wollen vor der Abschiebung nach Bulgarien. Deutscher Alltag im europäischen Asyl-System.

Die sechs Mitglieder der Familie Osso sitzen um den Tisch in ihrer Küche. Die vier Kinder sprechen gut Deutsch, die Eltern lassen sich übersetzen. Sie berichten, was viele andere Flüchtlinge, die durch Bulgarien durch mussten, auch erlebt haben. Sie berichten von Schlägen, Erniedrigung, Unsicherheit, Kälte, Schmutz.

Nach etwa sechs Monaten hielten sie es nicht mehr aus, ein Schlepper fuhr sie nach Deutschland, wo einige Familienmitglieder leben, teils seit vielen Jahren. Bonn, Trier, Zirndorf waren ihre ersten Stationen. Seit 2014 leben sie in Nürnberg, die Kinder besuchen die Schule, "wir haben uns in Nürnberg integriert", schreibt die Familie, ihr Bericht ging vor kurzem an den Bundestag. Anfang 2015 lehnte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) die Asylanträge ab: Die Familie hatte ja schon in Bulgarien Schutz erhalten, und weil Bulgarien formal ein sicherer Drittstaat ist, gebe es kein Recht mehr auf Asyl in Deutschland.

18 Quadratmeter für sechs Personen: So lebt die Familie Osso im Kirchenasyl. Wenn sie das Areal der Kirche verlassen, droht ihnen die Abschiebung nach Bulgarien. In dem südosteuropäischen Land war die Familie auf ihrer Flucht aus Syrien erstmals in die EU eingereist.

(Foto: Matthias Ferdinand Döring)

Nein, sagen die Ossos, nein! Lieber zurück nach Syrien als noch mal nach Bulgarien. Die Mutter ist traumatisiert, die Toten in ihrem Dorf, die Flucht, die Erniedrigung in Bulgarien, die Sorge um die Kinder und nun die Angst vor Abschiebung, das alles hat sie krank gemacht. Doch das Verwaltungsgericht Ansbach gibt dem Bundesamt recht, die Ossos müssen nach Bulgarien: Es sei davon auszugehen, dass die Flüchtlingsrechte dort garantiert seien. Außerdem sei die "Inländergleichbehandlung sichergestellt": Zwar sei in Bulgarien für Flüchtlinge vieles schlechter als in Deutschland, der Lebensstandard geringer, aber den Bulgaren selbst gehe es ja auch nicht besser.

Im Frühjahr vergangenen Jahres rückt die Polizei an, will die Familie aus der Unterkunft holen, um sie nach Bulgarien abzuschieben. Da sind die beiden Mädchen aber schon im Kirchenasyl, der Rest der Familie ist zufällig nicht zu Hause. Daraufhin flüchten auch die Eltern mit den beiden Söhnen in Kirchenräume. Das Leben im deutschen Untergrund beginnt, ganz öffentlich. Die Behörden dulden die Schutz-Entscheidungen der Gemeinden.

Einem Team engagierter Mitarbeiter des Nürnberger Jugendtheaters Pfütze hat die Familie ihre Fluchtburg zu verdanken. Die beiden Töchter der Ossos besuchten einen integrativen Theaterkurs, und als die Abschiebung immer drohender über der Familie schwebte, fragte eine Theater-Mitarbeiterin aufs Geratewohl: Könnt ihr? Wollt ihr? Pfarrer und Kirchenvorstand der Thomaskirche stellten den Ossos ein Zimmer zur Verfügung, 18 Quadratmeter, sechs Personen. Sehr eng, aber besser als Bulgarien.

Friedrich Veh, Mitglied im Kirchenvorstand, hatte anfangs wenig übrig für so eine Notlösung, sagt er: Wenn ein Asylverfahren durch ist, dann sei alles in Ordnung, das war seine Überzeugung, Deutschland ist ja ein Rechtsstaat. Aber dann hörte er die Berichte über Bulgarien, und seither unterstützt Veh das Kirchenasyl aus Überzeugung. Er sieht es als gelebte Bibelbotschaft, als Gewissensentscheidung. Nach einem halben Jahr zog die Familie weiter, aus ihrem einen Zimmer in eine geräumige Wohnung der Johanneskirche, auch in Nürnberg, auch dort kümmert sich ein Helferkreis um sie.

Mehr Fälle von Kirchenasyl

Die Zahl der Fälle von Kirchenasyl ist in den vergangenen Jahren um ein Vielfaches gestiegen. 308 Fälle zählte die Ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft Kirchenasyl im vergangenen Monat, mehr als 500 Personen lebten auf diese Weise geschützt vor Abschiebung, darunter 131 Kinder. Die meisten Menschen werden so vor Abschiebungen nach der Dublin-Regelung geschützt, also in das europäische Land, das sie zuerst betreten haben. Waren es über das ganze Jahr 2013 insgesamt knapp 80 Fälle von Schutz in Pfarreien, ist die Zahl über 430 im Jahr 2014 auf 620 im Jahr 2015 gestiegen. Im zurückliegenden Jahr dürften es insgesamt nochmals deutlich mehr Fälle sein. Unter Kirchenasyl versteht man die befristete Aufnahme von Flüchtlingen, denen nach ihrer Zwangsausreise Folter, Tod oder inhumane Härten drohen, egal ob im Heimatland oder dem europäischen Land, das sie als erstes betreten haben. Die Kirchenleute setzen sie sich über Behörden- und Gerichtsentscheidungen hinweg, aber nicht heimlich: Die Behörden werden informiert, sie tasten die Kirchenräume in der Regel nicht an.

Nachdem vor knapp zwei Jahren der Bundesinnenminister Thomas de Maizière das Kirchenasyl scharf attackiert hatte, ruderte er später, nach heftigen Protesten, zurück. Seither ist das Procedere offiziell geregelt: Die Gemeinden reichen Dossiers zu ihren Schützlingen beim zuständigen Bundesamt für Migration ein, dann bemüht man sich um eine "lösungsorientierte Einzelfallprüfung auf der Grundlage geltenden Rechts". In den meisten Fällen endete das Kirchenasyl bisher positiv für die Schutzsuchenden. Bernd Kastner

Gestützt werden die Ossos und ihre ehrenamtlichen Helfer von Stephan Reichel, dem Kirchenasyl-Koordinator der evangelischen Landeskirche in Bayern. Dass er dieser Tage ein Büro in der Kirchenzentrale in München bezogen hat, bei Heinrich Bedford-Strohm, dem Landesbischof und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, zeigt, welchen Stellenwert der oberste Protestant dem Kirchenasyl beimisst. Die meisten Asyle bieten evangelische Gemeinden.

Sie hatte schnell Deutsch gelernt, wollte ihre Ausbildung beginnen, jetzt ist das zu riskant

Reichel hat ein Bulgarien-Dossier erstellt, es ist eine Sammlung zum Schämen für Europa. Flüchtlinge berichtet von ihren Erfahrungen in dem südöstlichen EU-Staat immer wieder dasselbe: überfüllte, dreckige Schlafräume; Krätze und Wanzen; Tritte und Schläge durch Gefängniswärter oder Polizisten; Trinkwasser aus der Toilette; beißende Hunde; Erniedrigungen, wenn sich Flüchtlinge vor Fremden nackt ausziehen müssen; schlechte medizinische Versorgung. Viele seien durch das in Bulgarien Erlebte stärker traumatisiert als durch das im Heimatland.

Reichel, die Evangelische Landeskirche in Bayern und viele Asylhelfer, hoffen, dass die Abschiebungen nach Bulgarien schnell ausgesetzt werden, ähnlich wie nach Griechenland. Dorthin wird seit Jahren niemand mehr zurückgeschickt, weil das Land völlig überfordert ist. In Bulgarien sei die Lage "wesentlich gravierender", sagt Reichel.

Die Familie Osso kämpft. Eine Pfütze-Mitarbeiterin hat eine Petition an den Bundestag zusammengestellt, darin das Gutachten eines Nervenarztes zu Faimah Hesso, der Mutter. Rechtsanwalt Yunus Ziyal hat beim Bamf die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt und wartet zugleich auf eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts zu Abschiebungen nach Bulgarien. Bisher sei es Glücksache, an welches deutsche Verwaltungsgericht man gerate, die Richter in Bayern gelten als besonders restriktiv, sagt Ziyal.

Vorerst leben drei der sechs Ossos in ihrer Pfarreiwohnung wie in einem Gefängnis mit Freigang. Den minderjährigen Kindern droht ohne die Eltern keine Abschiebung, sie besuchen die Schule. Sobald aber die volljährige Romaf Osso und die Eltern das Kirchenareal verlassen würden, könnten sie von der Polizei in Abschiebehaft gebracht werden. "Zu gefährlich" sei das Rausgehen, sagt die älteste Tochter, also bleibt sie drin, gut ein halbes Jahr nun schon. Sie hatte schnell Deutsch gelernt, die Schule besucht, war kurz vor ihrem Abschluss, hatte einen Ausbildungsplatz bei einem Friseur in Aussicht, aber dann musste sie abbrechen. Der Schulbesuch in Deutschland war zu riskant geworden.