Kandel Kurios, mindestens

Seit ein Flüchtling in Kandel seine 15 Jahre alte Ex-Freundin erstach, marschieren immer wieder Fremdenfeinde durch den Ort. Bürgermeister Volker Poß warnt vor Nationalismus.

(Foto: SPD)

Seit fast einem Jahr befindet sich der pfälzische Ort in Geiselhaft rechter Demonstranten. Nun ruft eine Anzeige gegen Bürgermeister Poß Unverständnis hervor.

Von Susanne Höll, Frankfurt

Volker Poß ist von Natur aus ein ziemlich wohltemperierter Mann. Den Verbandsbürgermeister des pfälzischen Kandel bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Das ist gut für ihn und auch für den Ort. Denn der befindet sich, wenn man so will, seit knapp einem Jahr in Geiselhaft. Seit ein junger Flüchtling hier am Tag nach Weihnachten seine 15 Jahre alte Ex-Freundin erstach, marschieren immer wieder Fremdenfeinde auf, inzwischen jeden ersten Samstag im Monat.

Poß, Jahrgang 1960 und Sozialdemokrat, warnt immer wieder vor Nationalismus und mahnt zu Besonnenheit. Deshalb wurde er bepöbelt und bedroht. Im Mai hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ihn nach Berlin eingeladen, als Zeichen der Unterstützung. Nun ist der Bürgermeister selbst angezeigt worden, wegen eines Zwischenfalls bei Protestaktionen gegen die rechten Demonstranten - ein Vorgang, der weit über Kandel hinaus Unverständnis auslöst. Poß selbst ist sich keiner Schuld bewusst, hält die Angelegenheit für mindestens kurios: "Ich warte ab, ob sich die Staatsanwaltschaft meldet, und sehe dann, was kommt."

Was hatte sich da zugetragen am vergangenen Samstag in Kandel? Insgesamt 17 Demonstrationen waren angemeldet, von Fremdenfeinden und Gegendemonstranten. Der Zug der Rechtspopulisten sollte auch am Haus des Bürgermeisters vorbeiführen. Poß nahm diesmal nicht an einer Gegenveranstaltung teil, er war daheim, aber ohne Angst oder Sorge, wie er sagt. Die Polizei, davon war er überzeugt, würde jedwede Übergriffe auf sein Grundstück verhindern. Dann bekam er überraschend Besuch: Der SPD-Fraktionschef im Mainzer Landtag, Alexander Schweitzer, sowie andere Politiker, Gewerkschafter und Jusos standen vor dem Haus, aus Solidarität mit Poß und dessen Familie. Der Bürgermeister bat sie von der Straße aufs Grundstück. Wenig später stellten sich zwei Polizeibeamte mitsamt Vertretern der Versammlungsbehörde des Landkreises ein, bei der man öffentliche Aufmärsche anzumelden hat.

Die sahen die eingerollten Transparente, die einige der Leute aus der Schweitzer-Delegation in den Händen trugen, und kamen zu dem Schluss, dass es sich bei der Zusammenkunft nicht um eine private Veranstaltung, sondern eine unangemeldete Manifestation handele. Poß bat seine Gäste zu gehen, was die auch taten. Dennoch informierte die Polizei die Staatsanwaltschaft. Dazu seien die Beamten verpflichtet, sagte eine Polizeisprecherin. Der Protestmarsch zog, anders als angekündigt, dann doch nicht am Hause von Poß vorbei.

Falls sich die Ermittler bei ihm melden sollten, will sich Poß juristisch zur Wehr setzen. Mehr Sorgen als die Anzeige macht ihm die Lage in Kandel. Die allermeisten der etwa 9500 Einwohner könnten die Umtriebe der anreisenden Rechten nicht mehr ertragen, die Aufmärsche, das Geschrei, den Lärm des Polizeihubschraubers, der dann über Kandel kreist. Immer wieder muss der Bürgermeister den Bewohnern erklären, dass Meinungs- und Versammlungsfreiheit ein hohes Gut seien und die Gerichte den Behörden wenig Raum für Einschränkungen ließen.

In manchen Momenten aber fragt sich auch Poß, wann die Grenze der Belastung für die Menschen in Kandel erreicht ist. Dann sagt er sich selbst und anderen: "Wir müssen es noch eine Zeit weiter ertragen." Am 27. Dezember jährt sich der Tod der erstochenen 15-jährigen Mia. Auch dann wird es wieder Aufmärsche geben. Poß wünscht sich dann eine gemeinsame Aktion aller Demokraten, über die Parteigrenzen hinweg: "Wir sind doch nur gemeinsam stark."