Joschka Fischers Rede "Zivilisationsbruch ohne Beispiel"

Auszüge aus dem Manuskript der Rede von Joschka Fischer bei den Vereinten Nationen, die das Auswärtige Amt vor Sitzungsbeginn verbreitete.

Der Name des Vernichtungslagers Auschwitz steht für die Shoah, das Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts schlechthin. Am 24. Januar 1945, heute vor genau 60 Jahren, waren deutsche SS-Schergen in Auschwitz fieberhaft damit beschäftigt, die Spuren ihres millionenfachen Mordens zu verwischen.

Akten wurden verbrannt, die Gaskammern gesprengt, die Verbrennungsöfen demontiert. Zahllose entkräftete Häftlinge wurden auf einen Todesmarsch Richtung Westen gehetzt, den viele nicht überlebten. Die sowjetischen Truppen, die am 27. Januar 1945 das Lager erreichten, vereitelten diesen Versuch des Nazi-Regimes, das Menschheitsverbrechen der Shoah vor den Augen der Welt zu verbergen.

Die Befreiung von Auschwitz war keine Stunde der Freude und des Triumphes, denn für fast alle dorthin Verschleppten war es zu spät: Die sowjetischen Soldaten fanden kaum mehr als 7000 Überlebende. Es waren nur wenige, die dieser Hölle auf Erden entkommen konnten.

Die Erleichterung über ihre Rettung mischte sich mit der Gewissheit über das grauenhafte Schicksal der Unzähligen, die nicht mehr gerettet werden konnten.

Primo Levi, einer der Überlebenden, beschreibt die Beklemmung der Soldaten, als sie die Stätte des Grauens erreichten: "Sie grüßten nicht, sie lächelten nicht; sie schienen befangen, nicht so sehr aus Mitleid, als aus einer unbestimmten Hemmung heraus, die ihnen den Mund verschloss und ihre Augen an das düstere Schauspiel gefesselt hielt."

Auch die amerikanischen und britischen Streitkräfte, die von Westen her nach Deutschland vorrückten, stießen in den von ihnen befreiten Konzentrationslagern auf furchtbare Verbrechen.

Samuel Pisar hatte Majdanek, Auschwitz und Dachau überlebt und wurde dort von US-Truppen befreit. Er berichtete darüber jüngst in der Washington Post.

Herr Präsident, Millionen Menschen sind dem monströsen, kaltblütig geplanten Massenmord der Nazis zum Opfer gefallen: Jüdinnen und Juden - vor allem sie, aber auch Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte, Kriegsgefangene, Oppositionelle und viele andere Menschen aus ganz Europa.

Sie wurden in Auschwitz, Treblinka, Sobibor, Majdanek und anderen Konzentrations- und Vernichtungslagern auf deutschen Befehl und durch Deutsche barbarisch gequält, durch Zwangsarbeit oder pseudo-medizinische Experimente brutal ermordet, exekutiert oder vergast.

Noch heute, 60 Jahre nach der Katastrophe, fällt es schwer, das Leid, den Schmerz und die Erniedrigung der Opfer in Worte zu fassen. Wir verneigen uns heute vor allen Opfern des nationalsozialistischen Terrorregimes und gedenken ihrer in tiefer Trauer.

Herr Präsident, Auschwitz war der furchtbarste Ausdruck eines vom Rassenwahn verblendeten Systems. Die rassistische Ideologie Nazi-Deutschlands führte auch in einen verbrecherischen Vernichtungskrieg gegen Polen und die Sowjetunion.

Er brachte entsetzliches Leid über die Menschen dort. Als Symbol für Menschenverachtung und Völkermord wird Auschwitz für immer in die Geschichte der Menschheit eingeschrieben sein.

Und Auschwitz steht gleichzeitig für das entsetzliche Vorhaben der Nazis, das deutsche und europäische Judentum mit Hilfe einer industriell betriebenen Vernichtungsmaschinerie vollständig auszulöschen.

Sechs Millionen Jüdinnen und Juden sind ihr zum Opfer gefallen - Männer, Frauen und Kinder. Elie Wiesel hat den Mord an den Kindern, diese Zerstörung der Zukunft, einmal als das Schlimmste bezeichnet: "Immer waren sie die ersten, die ergriffen und in den Tod geschickt wurden. Wollte ich allein ihre Namen aufsagen, die Moischele, die Jankele, die Sodele, wollte ich allein ihre Namen rezitieren, ich stünde Monate und Jahre hier..."

Herr Präsident, dieses barbarische Verbrechen wird für immer Teil der deutschen Geschichte sein. Es bedeutete für mein Land den absoluten moralischen Tiefpunkt, einen Zivilisationsbruch ohne Beispiel.

Das neue, das demokratische Deutschland hat die Lehren daraus gezogen. Es ist von der historisch-moralischen Verantwortung für Auschwitz tief geprägt.

Das demokratische Deutschland hat die Unverletzbarkeit der Menschenwürde 1949 zum Fundament seiner Verfassung gemacht: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt" heißt es im ersten Artikel des Grundgesetzes.

Herr Präsident, es ist die Verantwortung für die Schoah, die Deutschland ganz besonders gegenüber dem Staat Israel verpflichtet.

Bundespräsident Johannes Rau hat vor dem israelischen Parlament um Vergebung für das unendliche Leid gebeten, das von deutscher Hand über das Judentum gebracht wurde. Er tat dies "für mich und meine Generation, um unserer Kinder und Kindeskinder willen, deren Zukunft ich an der Seite der Kinder Israels sehen möchte."

Die deutsch-israelischen Beziehungen werden für uns immer einen besonderen Charakter haben. Das Existenzrecht des Staates Israel und die Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger wird immer unverhandelbare Grundposition deutscher Außenpolitik bleiben.

Darauf wird sich Israel stets verlassen können. In diesem Jahr feiern wir den 40. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland.

Dass Israel uns heute als verlässlichen Partner empfindet, ist keineswegs selbstverständlich und erfüllt uns mit großer Dankbarkeit. Herr Präsident,Unsere Geschichte verpflichtet uns, jede Form von Antisemitismus, aber auch Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz zu ächten und zu bekämpfen.

Deshalb dürfen wir nicht tatenlos zuschauen, wenn Menschen wegen ihres Glaubens beleidigt, angegriffen und verletzt werden. Wir dürfen nicht wegsehen, wenn Synagogen beschmiert und geschändet werden.

Und wir dürfen antisemitischer Hetze nicht schweigend zuhören. Wir müssen der Bedrohung durch den Antisemitismus mit aller Entschlossenheit und der ganzen Härte des Gesetzes entgegentreten.

Denn ein entscheidender Indikator für den Zustand unserer Demokratie ist die Antwort auf die Frage, ob sich die jüdischen Bürgerinnen und Bürger und ihre Gemeinden in unseren Ländern sicher und zuhause fühlen.

Gerade in meinem Land müssen wir diese Frage jeden Tag aufs Neue stellen und positiv beantworten. Vertrauensbildung und Versöhnung durch Annäherung und enge Zusammenarbeit - das ist auch die Antwort Europas auf die Katastrophe der Shoah und des Zweiten Weltkriegs.

Dass wir mit unseren östlichen Nachbarn und gerade mit Polen seit Mai 2004 Partner in einer immer enger zusammenwachsenden Europäischen Union sind, ist für uns dabei von besonderer Bedeutung. Herr Präsident, vor 60 Jahren, unter dem Eindruck der furchtbaren Verbrechen des Nationalsozialismus, wurden die Vereinten Nationen gegründet.

Deshalb sind wir heute hier, am Sitz der Vereinten Nationen, zusammengekommen, um der Opfer des Völkermords am europäischen Judentum durch die Nazis zu gedenken.

Nicht zuletzt aufgrund der furchtbaren Erfahrung des Krieges und der Nazi- Diktatur haben die Gründungsmitglieder der Vereinten Nationen das Bekenntnis zu den Grundrechten des Menschen und zu Würde und Wert der menschlichen Persönlichkeit an den Anfang der Präambel der VN-Charta gesetzt.

Die Verhinderung von Völkermord, das entschiedene "Nie wieder" gehört zu den Existenzgründen der Vereinten Nationen. Weil ein Völkermord nie unvermittelt geschieht, müssen wir schon seine Vorboten bekämpfen.

Wir müssen uns Krieg, Bürgerkrieg und der Missachtung der Menschenrechte, aber auch totalitären Ideen, Hasspropaganda und Gewaltverherrlichung entschlossen entgegenstellen. Dazu sind wir verpflichtet.

Und dafür brauchen wir eine wirkungsvolle Zusammenarbeit. Die Vereinten Nationen sind für die Verhinderung von Völkermord in einzigartiger Weise geeignet und legitimiert, das ist meine feste Überzeugung.

Denn keine Organisation verfügt über so viel Erfahrung in der Konfliktprävention und im Menschenrechtsschutz wie sie."Die Weltorganisation hier noch weiter zu stärken, bleibt deshalb eine Priorität deutscher Außenpolitik Dazu verpflichtet uns unsere Geschichte. Herr Präsident, 60 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager wird die Gemeinschaft der Überlebenden täglich kleiner.

Kein Archiv, kein Kinofilm, kein Geschichtsbuch kann ihre schmerzvollen Erfahrungen so wiedergeben wie ihr persönliches Zeugnis. Wir, die wir den Überlebenden noch zuhören können, haben den Auftrag, ihre Geschichte an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.

Um in gegenseitigem Respekt friedlich zusammenleben zu können, dürfen wir nie vergessen, zu welcher Barbarei Menschen fähig sind. Denn, so hat es Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 in seiner Rede zum 8. Mai gesagt, "Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren."

Herr Präsident, dass die Shoa im 20. Jahrhundert mitten in Europa und durch Deutsche verantwortet möglich war, muss uns immer Mahnung sein: Eine aufgeklärte, tolerante und offene Gesellschaft ist keine Selbstverständlichkeit.

Für ihren Erhalt müssen wir uns jeden Tag auf's Neue einsetzen. Die Erinnerung an die Ermordeten und die Schmerzen der Überlebenden der nationalsozialistischen Vernichtungslager verpflichten uns zu diesem gemeinsamen Ziel. Daran müssen wir arbeiten. Vielen Dank.

Auszüge aus dem Manuskript der Rede von Joschka Fischer, die das Auswärtige Amt vor Sitzungsbeginn verbreitete.