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Interview mit Michel Friedman:"Wir müssen uns die hässliche Fratze der Nazis vor Augen halten"

Michel Friedman hat für ein Gesellschaftsmagazin mit dem Ex-RAF-Terroristen und heutigen Nazi Horst Mahler ein langes Gespräch geführt. Im Interview mit sueddeutsche.de erläutert er, warum er es für wichtig hält, nicht nur über diese Leute zu reden - sondern manchmal auch mit ihnen.

Michel Friedman, 51, ist als Rechtsanwalt und Journalist tätig. Von 2000 bis 2003 war er stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland.

sueddeutsche.de: Herr Friedman, zehn Seiten Interview mit Horst Mahler in der Druckausgabe von Vanity Fair, 28 Seiten in deren Online-Ausgabe. Er hat Sie mit "Heil Hitler, Herr Friedman" begrüßt und den Holocaust geleugnet. Macht es wirklich Sinn, einem bekennenden Nazi so eine Plattform zu geben?

Michel Friedman: Die Themen Rechtsradikalismus und Neonazis sind nicht nur ein vergangenes, sondern ein gegenwärtiges Phänomen in der Bundesrepublik. Was Horst Mahler als geistiger Brandstifter und pseudowissenschaftlicher Ideologe ausdrückt, hat einen fruchtbaren Boden: Ob die NPD wieder Wählerschichten akquiriert oder im Osten der Republik wieder ideologisch begründete Gewalt geschieht. Oder es sich bis zur Mitte der Gesellschaft ausdehnt, wo wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich Rassismus und Faschismus inzwischen breit verankert haben. Wir haben also ein Problem. Und deshalb muss die Auseinandersetzung auch mit solchen Extremen stattfinden. Dies zu verdrängen, halte ich für hoch gefährlich.

sueddeutsche.de: Wer hatte denn den Einfall für dieses Gespräch?

Friedman: Das war eine Idee der Vanity Fair-Redaktion und ihres Chefredakteurs Ulf Poschardt. Und wir haben wirklich lange überlegt, wie man das machen kann. Doch letztendlich haben wir das Gespräch - und wie es geführt wurde - als Dokument verstanden. Es ging hier um eine grundsätzliche Aufklärungspflicht. Es ist der Versuch, sich mit diesen Menschen auch unmittelbar auseinanderzusetzen. Auch wenn es ätzend, unangenehm, und teilweise beleidigend und schmerzhaft ist. Denn nur so zeigt sich, was für eine Gewalt und was für ein Hass auf Menschen dahintersteckt.

sueddeutsche.de: Also wollten Sie die Konfrontation suchen?

Friedman: Es ging nicht unbedingt um Mahler als Mensch, sondern, dass er eine Gruppe von Menschen repräsentiert, die so denkt, aber die weitaus häufiger in Moll gehört wird, als sie das in Dur ausdrücken. Mahler sagt - ideologisch verbohrt - vieles von dem, was auch in einem nicht mehr verschwindenden Teil der Bevölkerung gedacht wird. Untersuchungen zeigen, dass sich 20 Prozent der Deutschen keinen jüdischen Nachbarn wünschen und, unabhängig vom Alter und Schichten, sich zehn bis 15 Prozent zu rassistischen Vorurteilen bekennen. Auch bei Leuten in Dreiteilern. Bei gepflegten Gesprächen auf Empfängen erlebe ich oft Bemerkungen über die jüdische Weltmacht oder das Klischee, alle Juden seien reich. Obwohl wir genauso viele Sozialhilfeempfänger haben wie andere auch.

sueddeutsche.de: Sie haben das Gespräch also geführt, weil Sie Rechtsextremismus für ein gegenwärtiges politisches Problem halten - und darüber nicht schweigen wollen.

Friedman: Ja und ich halte es für wichtig, dass man nicht nur über diese Leute spricht. Sondern exemplarisch auch mit ihnen - um sie sich selbst demaskieren zu lassen. Damit sie ihre hässliche Fratze zeigen und wir sie uns vor Augen halten. Ob das gelungen ist, müssen andere beurteilen.

sueddeutsche.de: Aber Herr Mahler freut sich doch über die 20 Prozent Zustimmung zu seinen kruden Thesen - und findet nun noch ein größeres Publikum.

Friedman: Aber es ist ja virulent - und wir anderen 80 Prozent müssen uns das bewusst machen. Das Problem des Rechtsextremismus ist nicht ausgestorben, sondern nach wie vor aktuell - auch bei einem nicht unerheblichen Teil der Jugend. Ich glaube, es ist journalistische Pflicht, sich auch dem unappetitlichen und unangenehmen Gespräch mit so einem Menschen zu stellen. Aber eben auch zu zeigen, welchen Geistes Kind diese Menschen sind.

sueddeutsche.de: Sie haben auch versucht, mit ihm über seinen Weg vom RAF-Terroristen zum Rechtsextremisten zu sprechen.

Friedman: Uns ging es tatsächlich darum, zu verstehen, wie ein Teil der damaligen linken Szene sich so wandeln konnte. Nehmen Sie den ehemaligen Herausgeber der Konkret und Ehemann von Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl, der einen ähnlichen Weg wie Mahler genommen hat. Wo gibt es da geistige Ergänzungen, wo Widersprüche, was ist da passiert? Beide Haltungen sind antidemokratisch und inhuman.

sueddeutsche.de: Und?

Friedman: Es gibt ganz bestimmte Feindbilder: Der extreme Hass auf Amerika, das Gefühl, von einer relativ diffusen Unfreiheit, an der andere Schuld sind - und neben dem Weltbeherrscher Amerika gibt es für diese Menschen eben noch das angeblich so mächtige Weltjudentum. Im Grunde stecken bei ihm immer die Juden hinter allem. Das kommt mir dann doch ein bisschen paranoid vor. Außerdem sind Mahler und Röhl in den dreißiger Jahren geboren worden und haben das Dritte Reich noch erlebt. Biographisch ist das interessant.

sueddeutsche.de: Und Mahler hatte einen Vater, der schon Nazi war und sich dann selbst umgebracht hat, wie wir in dem Interview erfahren konnten.

Friedman: Wir wissen von Kindern, die sich an dem Freitod eines Elternteils ihr Leben lang schuldig fühlen. Doch wie weit sich Schuldkomplexe pervertieren, müssen Psychiater beantworten.