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Interview mit Gerhard Schröder:"Ich bin am Anfang fürchterlich verdroschen worden – sprachlich"

Gerhard Schröder, zu sehen bei einer Bundestagsrede auf zahlreichen TV-Schirmen

"Die Menschen müssen merken, der kommt da nicht nur hin und sagt etwas, was andere ihm aufgeschrieben haben."

(Foto: Foto: Reuters)

Schröder: Halle voll ist gut.

SZaW: Als Sie sich entschlossen haben, auf dem zweiten Bildungsweg zunächst die Mittlere Reife, dann auch das Abitur nachzumachen, da haben Sie an Wahlveranstaltungen teilgenommen, von rechts bis links, und sich darin geübt, vor Menschen zu reden, Standpunkte zu entwickeln. War das die entscheidende Schule?

Schröder: Ich glaube schon. Das war das Training. Ich bin am Anfang fürchterlich verdroschen worden - sprachlich - von denen, die das Mikrofon hatten, und habe mich auch verhaspelt und nicht rübergebracht, was ich eigentlich wollte. Im Laufe der Zeit habe ich mehr und mehr Sicherheit gewonnen, die Fragen präziser zu formulieren, die Standpunkte präziser zu formulieren, auch weil die Standpunkte selber präziser wurden. Mit Sprache umzugehen, das geht dann am besten, wenn man weiß, was man will und sich das auch selber erarbeitet hat.

SZaW: Und die Zeit als Juso-Vorsitzender brachte den Feinschliff?

Schröder: Feinschliff will ich nicht sagen, aber natürlich Routine.

SZaW: Es heißt - und mit dem Satz wird einer Ihrer Mitarbeiter zitiert -, Sie würden 24 Stunden am Tag nur an Ihr Image denken. "Immer überlegt er, wie er wirkt."

Schröder: Das ist sicher ganz falsch. Also, ein besonders enger Mitarbeiter kann das nicht gewesen sein. In all diesen Beschreibungen der eigenen Person wird sich immer berufen: auf "Mitarbeiter", auf "Kreise, die der Regierung nahe stehen", auf "Menschen, die mir nahe stehen". Die, die so Nachrichten produzieren, produzieren meistens keine Wahrheiten.

SZaW: Wie stellen Sie sich an Tagen, an denen Sie etliche Reden vor ganz unterschiedlichen Menschen halten müssen, auf die immer wieder neuen Menschen ein?

Schröder: In der Regel sind das Reden über Themen, die ich gut kenne und wo ich mich absolut sicher fühle. Das heißt ja nicht, dass alle dem zustimmen müssen. Aber der entscheidende Punkt ist wirklich, dass man davon überzeugt ist, was man sagt. Dann bekommt man das den Menschen nahe gebracht, sowohl vermittelt über die Medien, die elektronischen zumal, als auch in der direkten Ansprache. Das ist der absolut entscheidende Punkt. In dem Moment, wo man seiner selbst nicht sicher ist, klappt der Vermittlungsprozess nicht. Er kann auch sonst gestört werden, weil: die Vermittlung läuft ja über die Medien, und wenn die nicht vermitteln wollen, hilft auch die beste Sprache nicht.

SZaW: Sie sind dann also in so einem Saal. Wie gelingt das, bei so schnellen Wechseln, den Ton, die Zwischentöne zu treffen?

Schröder: Kann ich Ihnen auch nicht sagen. Ich hab' da kein Patentrezept. Ich schau mir die Menschen an, stelle mir ihre Erwartungen vor und sage das, was ich sagen will. Gelegentlich hilft es, um Aufmerksamkeit zu erregen, dass man witzige Sachen einflicht - wenn man dazu in der Lage ist. Entscheidend ist, dass man genau hinhört, was Vorredner sagen, und darauf eingeht, humorvoll, wenn es geht, oder auch deutlich zurückweisend, wenn es sein muss.

Also, der Kommunikationsprozess muss klappen. Die Menschen müssen merken, der kommt da nicht nur hin und sagt etwas, was andere ihm aufgeschrieben haben, sondern: Der hat ein Interesse an der Kommunikation speziell mit uns. Wenn einem das nicht gelingt, dann klappt das nicht. Darauf muss man sich immer wieder neu einstellen. Deswegen darf eine zweite Rede zum selben Thema nie dieselbe sein, sondern es müssen Abweichungen drin sein. Das ist wichtig, für einen selber auch. Sonst steht man neben sich - und hört sich selber sprechen.

SZaW: Wenn Sie sprechen, wann immer Sie eine öffentliche Äußerung tun, haben Sie vermutlich immer mehrere Adressaten gleichzeitig im Sinn. Wie gelingt das?

Schröder: Schwer zu sagen. Am besten gelingt das, wenn man sich auf die konzentriert, die einem gegenüber sitzen, also, man sollte nie den Versuch machen, an den Menschen, die einem direkt zuhören, vorbeizureden, nur fürs Publikum zu reden.

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