Indien Gegen alle Widerstände

Pratibha Patil ist neue Staatspräsidentin von Indien. Sie ist die erste Frau in diesem Amt - und bislang äußerst unbeliebt.

Pratibha Patil wird nach einem turbulenten Wahlkampf die nächste Präsidentin Indiens. Mit der 72-jährigen bisherigen Gouverneurin des nordwestindischen Bundesstaates Rajasthan wird erstmals eine Frau Staatsoberhaupt der bevölkerungsreichsten Demokratie der Welt.

Siegerin nach einem turbulenten Wahlkampf: Pratibha Patil.

(Foto: Foto: dpa)

Die streitbare Politikerin von der regierenden Kongresspartei wurde von Parteichefin Sonia Gandhi gegen alle Widerstände ins Rennen geschickt - und gewann souverän gegen den beliebten Vizepräsidenten Bhairon Singh Shekhawat, 84 Jahre alt, von der hindu- nationalistischen BJP. Patil soll voraussichtlich am 25. Juli vereidigt werden.

Die langjährige Politikerin ist hochgradig umstritten. Das liegt nicht nur daran, dass Patil bekundete, mit dem Geist eines Sektenführers gesprochen zu haben, der ihr angeblich sagte, dass sie bald eine verantwortungsvolle Position bekleiden würde.

Geschichten aus der Vergangenheit

Mit anderen Bemerkungen brachte die Hinduistin die Muslime in Indien gegen sich auf. Zwar ist das Präsidentenamt in Indien weitgehend zeremoniell, doch das Staatsoberhaupt gilt als Hüter der Verfassung, das unbelastet in das Amt gehen sollte. Das aber tut Patil kaum. In den vergangenen Wochen drang immer mehr aus der Vergangenheit der Kandidatin - und ihrer Familie - an die Öffentlichkeit.

Das Wenigste davon war positiv. 1973 gründete die aus dem Bundesstaat Maharashtra stammende Rechtsanwältin eine Genossenschaftsbank, die Frauen aus der Armut helfen sollte. Nach Gewerkschaftsangaben bedachte der Vorstand Patils Verwandte großzügig mit Krediten, von denen demnach mehr als 400 000 Euro nie zurückgezahlt wurden.

Im Jahr 2003 entzog die indische Bundesbank dem Geldinstitut die Lizenz. Kleinanleger beklagen bis heute, dass sie nicht voll für ihre Einlagen entschädigt wurden.

Eine von Patil 1980 gegründete Zuckerraffinerie ging 1999 mit hohen Schulden pleite, ohne jemals schwarze Zahlen geschrieben zu haben. Gegen Patils Ehemann Devisinh Shekhawat, der mehrere Schulen führt, läuft ein Gerichtsverfahren, weil er 1998 einen Lehrer durch jahrelanges Mobbing in den Selbstmord getrieben haben soll.

Unbeliebteste Kandidatin für das Präsidentenamt

Patils Bruder G.N. Patil wird von der Witwe eines Parteirivalen und Kongress-Bezirkschefs vorgeworfen, Drahtzieher des Mordes an ihrem Mann im Jahr 2005 zu sein. Das Bundeskriminalamt untersucht den Fall.

Nach Umfragen war Patil die bisher unbeliebteste Kandidatin für das Präsidentenamt. Ihr Gegenspieler hatte trotzdem keine Chance. Kongresschefin Sonia Gandhi setzte alles dran, um die Mehrheit der Stimmen der Abgeordneten aus den Landesparlamenten und dem Bundesparlament auf ihre Kandidatin zu vereinigen.

Viele Inder hätten dem bisherigen Präsidenten A.P.J. Abdul Kalam eine zweite Amtszeit gewünscht. Der von der BJP eingesetzte muslimische Atomwissenschaftler mit der unkonventionellen Frisur, der auch mit 75 Jahren noch Junggeselle ist, ist beim Volk ungemein populär.

Sonia Gandhi aber wollte nun unbedingt eine Kongress-Politikerin im Amt sehen. Auf Bundesebene war Patil vor ihrer Nominierung kaum bekannt - in der Partei hingegen schon. Patil war bereits Sonia Gandhis Schwiegermutter, der 1984 ermordeten Premierministerin Indira Gandhi, treu ergeben.

Gegner Patils verweisen auf den früheren Präsidenten Fakhruddin Ali Ahmed, den Indira Gandhi 1974 mit ihrer Regierungsmehrheit ins Amt hievte. Kurz darauf unterzeichnete der Hüter der Verfassung ohne viel Aufhebens Indira Gandhis umstrittene Notstandsgesetze. Ahmed stand in Indira Gandhis Schuld - ebenso, wie Patil nach ihrer Wahl nun in Sonia Gandhis Schuld stehen wird.