Husum:"Die müssen weg"

Lesezeit: 10 min

Eine geschändete Kirche, empörte Bürger, Punks und Rechte - wie vor einer Bilderbuchkulisse Konflikte mit Jugendlichen ausgetragen werden.

Birk Meinhardt

Das helle, klare Licht hier im Norden hebt die Konturen der Häuser hervor. Lauter überdimensionale Scherenschnitte, die am Hafen aufgereiht sind. Davor langsam übers grobe Pflaster staksende Touristen, fast alles ältere Menschen, die gerade auf eine Hallig wollen oder von einer Hallig kommen.

Konflikte mit Jugendlichen, dpa

Manche der Gäste machen kehrt, wenn sie die Jugendlichen sehen.

(Foto: Foto: dpa)

Oder sie möchten jetzt Krabben essen, oder sie sind gerade satt, und wenn sie satt sind, bleiben sie vor einem Ständer mit Tassen stehen, auf denen die immergleiche Robbe und jeweils ein anderer Name aufgedruckt sind; Rita, ruft ein Mann, wollen doch mal sehen, er tritt näher, zielt mit einem Zeigefinger auf die Tassen, murmelt, Regina, Renate, Rosemarie, alle hier, nur Rita nicht, und dreht wieder ab.

Außerdem besuchen die Touristen normalerweise St. Marien, Kirche gucken gehört zum Urlaub. Nur ist ihnen das zuletzt erheblich erschwert worden. Betrunkene Jugendliche okkupierten die Treppe vor dem Portal und pöbelten herum.

Die Jugendlichen schändeten die Kirche

Manche der Gäste machten nun lieber kehrt, andere gingen in die umliegenden Geschäfte, zum Beispiel zu Hansjörg Dittmer in den Fotoladen, und fragten, ob vielleicht jemand sie auf dem Weg in die Kirche begleiten könne.

Die Jugendlichen aber begaben sich auch in das Gotteshaus selber. Sie veranstalteten darin Mountain-Bike-Rennen. Ließen Kerzenwachs auf Orgeltasten fließen. Sonderten Exkremente ab. Und einer von ihnen entblößte sich vor dem Altar, und zwei kopulierten, von vier weiteren angefeuert, in einem Nebenraum, der sonst nur Apostelfiguren beherbergt.

Dabei sind sie beobachtet worden, natürlich, sonst wäre es ja nicht herausgekommen, und zwar von Mitarbeitern des Besucherdienstes.

Auch die sind fast alle schon im Rentenalter. Ihre Körper flößen keinen Respekt mehr ein. Magdalene Hoffmann, die 69-jährige Leiterin des Dienstes, erzählt, wie einmal eine Gruppe in die Kirche stürmte und sie zunächst nicht sah.

Alle sprangen auf die Bänke, da machte sie, Magdalene, sich bemerkbar. Raus mit euch! rief sie. Ach Alte, wer bist du denn, kannst du dich ausweisen, riefen die Jugendlichen zurück.

Ein Akt vor den Aposteln

Jene Vorfälle wurden dem Kirchenvorstand gemeldet, doch der reagierte lange nicht. Es brauchte erst den Akt vor den Aposteln, denn, um es mal so zu sagen, Sex unterm Kreuz, das ging dann doch zu weit.

Der Vorstand lud verschiedene Gremien der 22000-Einwohner Stadt zu einer Beratung, und der Pastor Friedrich Mörs benannte alles in einem Gemeindebrief.

Danach bequemte sich die örtliche Zeitung, von deren Redaktion aus man einen prima Blick auf die Kirche, die Treppe und die Jugendlichen hat, zu einem Bericht, den sie dafür gleich mit dem Titel "Sodom und Gomorrha" versah. Die Sache war nun in der großen weiten Welt.

Und? Was steckt dahinter? Erst einmal ist es ja nicht mehr als ein Spektakel. Die wirkliche Geschichte, sofern es eine gibt, muss sich darunter verbergen.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, was fundierte Punks so sagen

Zur SZ-Startseite