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Hamas gegen Fatah:"Das Volk hat nur die Wahl zwischen zwei Übeln"

In immer blutigeren Gefechten spitzt sich der Machtkampf zwischen den palästinensischen Gruppen Hamas und Fatah zu, eine Entspannung oder gar ein Ende des Konflikts ist nicht in Sicht. Wie konnte es dazu kommen? Drei Fragen an Thorsten Schmitz, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Tel Aviv.

sueddeutsche.de: Der Bruderkampf zwischen den rivalisierenden Organisationen Fatah und Hamas geht weiter, ohne dass es Anzeichen für eine Entspannung gibt - im Gegenteil. Wie lässt sich erklären, dass zwei palästinensische Bewegungen an der Macht sich derart bekriegen?

Fatah-Kämpfer

Ein Getreuer des Palästinenser-Präsidenten Abbas

(Foto: Foto: Reuters)

Thorsten Schmitz: Mit ein Grund für die blutigen Kämpfe sind die völlig unterschiedlichen Gesellschaftskonzepte, die Hamas und Fatah verfolgen. Die 1987 gegründete Hamas kennt nichts anderes als den Kampf und die Opposition. Die Gruppe verfolgt die Zerstörung Israels und die Bildung eines islamistischen Gottestaates auch auf dem Gebiet des heutigen Israel.

Ihr Hauptquartier, der Gazastreifen, trägt bereits Züge dieses Gottestaates. Kinos wurden geschlossen, Internet-Cafés werden zerstört, Fernsehmoderatorinnen bedroht, die kein Kopftuch tragen. Die Fatah wiederum ist eine säkulare, das heißt weltlich orientierte Gruppe, die keine Berührungsängste gegenüber dem Westen hegt.

Sie und ihr Vorsitzender, Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, gelten in den Augen der Hamas als Marionette der westlichen Staaten und als korrupt. Die jüngsten Kämpfe sind auch darauf zurückzuführen, dass die Mehrheit der palästinensischen Sicherheitsdienste Fatah-treu sind und sich den Anordnungen der von der Hamas geführten Regierung widersetzt. Als Reaktion auf die störrischen Sicherheitsdienste hat Hamas eine eigene Polizei-Miliz gegründet, die aus rund 6000 schwer bewaffneten Männern besteht.

Die Mitglieder dieser Truppe liefert sich derzeit Kämpfe mit den Fatah-Mitgliedern. Der Kompromiss von Mekka, bei dem im März unter saudi-arabischer Vermittlung eine Koalitionsregierung aus Hamas und Fatah beschlossen worden war, kann angesichts der Kämpfe nur als faul bezeichnet werden. Er existiert auf dem Papier, aber nicht in der Realität.

sueddeutsche.de: Beide Parteien haben für sich den Anspruch, das palästinensische Volk zu vertreten. Natürlich kann es nicht Volkes Wille sein, dass Hamas und Fatah sich gegenseitig bekämpfen. Wer kann sich der Gunst des Volkes sicher sein?

Schmitz: Das palästinensische Volk hat vor anderthalb Jahren mehrheitlich für die Hamas gestimmt, inzwischen aber herrscht in der Bevölkerung Ernüchterung. Die meisten Palästinenser wollen Arbeit und Einkommen und keine Kämpfe untereinander.

Eine Umfrage zu Beginn der Woche hat ermittelt, dass rund 90 Prozent der Palästinenser deprimiert sind nicht nur über die israelische Besatzung, sondern auch über die innerpalästinensischen Rivalitäten. In den Augen der palästinensischen Bevölkerung hat Hamas seit Regierungsantritt nichts Wesentliches zustande gebracht, allerdings wird Hamas auch zugutegehalten, dass der Gruppe durch den internationalen Boykott die Hände gebunden sind.

Die Fatah wiederum gilt als gemäßigt, hat aber an Ansehen verloren, weil ihre Führer als korrupt verschrien sind. Das Volk befindet sich in einer Zwangslage, denn es hat nur die Wahl zwischen zwei Übeln, Hamas oder Fatah.

sueddeutsche.de: Die Gefechte zwischen Fatah und Hamas beunruhigen die gesamte Lage in Nahost. Was bedeutet der Konflikt für Israel und wie kann die internationale Gemeinschaft diesem Konflikt beikommen?

Schmitz: Interessant in diesen blutigen Tagen ist das Schweigen der internationalen Gemeinschaft. Es könnte als Indiz gewertet werden, dass die Palästinenser der internationalen Staatengemeinschaft nicht wichtig genug sind, aber auch als Eingeständnis, dass man nicht weiß, wie man den Palästinensern helfen kann.

Sie zerfleischen sich ja mit den sinnlosen Kämpfen selbst. Gefährlich sind die Kämpfe momentan nur für Israel, denn mit den innerpalästinensischen Kämpfen nehmen auch die Raketenangriffe auf Israel zu. Warum? Weil Hamas damit Israel zu Vergeltungsschlägen provozieren will, um sich dann als Opfer Israels zu präsentieren.

In Israel ist man in der Regierung hin- und hergerissen, ob Vergeltungsschläge aus der Luft reichen oder ob die israelische Armee nicht doch wieder in den Gazastreifen einmarschieren soll. Israel hat kein Interesse an einer Wiederbesetzung des Gazastreifens, muss aber andererseits seine Bürger schützen.

Die einzige Lösung scheint derzeit die Entsendung internationaler Truppen in den Gazastreifen - allerdings wird sich kaum ein Staat finden, der freiwillig Truppen in ein Gebiet entsendet, das zunehmend Züge eines zweiten Somalia trägt.

Thorsten Schmitz ist Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und berichtet aus Tel Aviv, Israel. Die Fragen stellte Gökalp Babayigit.