Grenzdurchgangslager Fast angekommen

Deutschland will 10 200 Flüchtlinge im Rahmen eines Umsiedlungsprogramms aufnehmen. Ein Besuch in Friedland, wo Freude und Enttäuschung nah beieinanderliegen.

Von Francesco Collini, Bea Riebesehl und Helena Werhahn, Friedland

Vier Millionen Flüchtlinge sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Grenzdurchgangslager Friedland angekommen. Heute bietet es 820 Menschen Platz, die von hier nach einem festen Schlüssel auf die einzelnen Bundesländer verteilt werden.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

Die Familien kommen durch eine schmale Tür in den Raum, der an ein Klassenzimmer erinnert. Drei Frauen sitzen hier, auf dem Tisch vor ihnen liegen mehrere farbige Zettel mit Informationen auf Deutsch und Arabisch. "Geht es Ihnen gut?", fragt eine der Sozialarbeiterinnen, als eine fünfköpfige Familie aus Syrien Platz nimmt. Die Mutter schüttelt den Kopf, alle drei Kinder seien erkältet. Dabei ist ein Schnupfen wohl noch das geringste Problem an diesem Ort, an dem der deutsche Staat Weichen stellt für ihre Zukunft.

Die Sozialarbeiterin verweist auf den Hausarzt, der mehrmals die Woche ins Lager kommt, und dann verteilt sie die farbigen Zettel: Ahmad, der Jüngste in der Runde, bekommt einen hellblauen. Darauf steht, dass er ohne seine Eltern ins Kinderhaus gehen darf, die Kita auf dem Lagergelände. "Du bist ein großer Junge", sagt die Dolmetscherin auf Arabisch und hebt ihren Arm wie ein Bodybuilder, der seinen Bizeps zur Schau stellt.

Die Familie gehört zu den gut 200 Geflüchteten, die vier Tage zuvor in Friedland angekommen sind. Alle Flüchtlinge, die über humanitäre Aufnahmeprogramme kommen, verbringen im Grenzdurchgangslager ihre ersten zwei Wochen in Deutschland. Zwei Wochen, in denen sie einen Wegweiser-Kurs besuchen können, um die ersten Wörter Deutsch zu lernen und praktische Tipps zu erhalten: Wie funktioniert das deutsche Gesundheitssystem? Wie fahren Busse und Bahnen?

Das System der Verteilung kann Familien zerreißen

Grenzdurchgangslager Friedland. So heißt diese einzigartige Unterkunft noch heute, ganz offiziell. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs ist sie ein Ankunftsort für Flüchtlinge, der Name hat sich gehalten, aus Tradition. Die Gemeinde Friedland, südlich von Göttingen gelegen, hat gerade mal 12 000 Einwohner; über die Jahrzehnte wurden hier mehr als vier Millionen Menschen einquartiert.

"Betreten auf eigene Gefahr": Ein gelbes Schild warnt die vom Bahnhof kommenden Besucher. Dabei wirkt der östliche Eingang des Lagers alles andere als gefährlich. Ein schmaler Betonweg führt zu den ersten barackenartigen Gebäuden. Es gibt weder einen Zaun noch ein Tor, nur eine Schranke für Autos am vorderen Eingang. Ansonsten ist der Zugang frei, ganz anders als in vielen anderen Flüchtlingsunterkünften.

Aufgrund seiner Nähe zur ehemaligen innerdeutschen Grenze wurde Friedland nach dem Zweiten Weltkrieg ausgewählt, um dort ein Grenzdurchgangslager (GDL) zu errichten. Hier fanden Vertriebene Schutz, aber auch Heimkehrer und deutsche Soldaten, die aus sowjetischer Gefangenschaft zurückkamen. Auch für die Geflüchteten aus der DDR und vor allem für Spätaussiedler aus dem Osten, die zum Teil noch heute kommen, war Friedland das Tor zu einem neuen Leben in Deutschland. Über die Jahrzehnte kamen auch andere Gruppen: Chilenen, die vor der Pinochet-Diktatur flüchteten, die Boatpeople aus Vietnam und Albaner, die während des kommunistischen Hoxha-Regimes ihr Land verließen. Die verschiedenen Etappen der Geschichte des Lagers werden im Museum Friedland dokumentiert. Heute kommen alle Flüchtlinge, die Deutschland über Umsiedlungs- und Humanitäre Aufnahmeprogramme aufnimmt, nach Friedland. Das Lager ist außerdem Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber, die in einer Kommune in Niedersachsen leben werden.

Das Gelände ist weitläufig, so groß wie neun Fußballfelder, eine Straße führt mitten durch, ihr Name erinnert an die Historie: Heimkehrerstraße. 55 Gebäude stehen hier, sie bieten Platz für 820 Flüchtlinge, aber auch für die Verwaltung, für ein Frauenzentrum und eine Krankenstation. Der Bereich vor dem Speisesaal erinnert an einen Dorfplatz. Schlicht sind die Unterkünfte, aber in gutem Zustand. Manche Baracken mit ihren orangefarben gestrichenen Fassaden erinnern an Reihenhäuser einer Neubausiedlung.

Umsiedlung

Das Bundesinnenministerium hat Anfang Mai das Pilotprogramm Neustart im Team (NesT) vorgestellt. Im Rahmen des Programms sollen 500 Schutzsuchende in Deutschland aufgenommen werden. Sie sind Teil der 10 200 Flüchtlinge, deren Aufnahme Innenminister Horst Seehofer im April 2018 für 2018 und 2019 ankündigte. Ein weiterer Teil dieser Flüchtlinge kommt über das Resettlement-Programm des UNHCR nach Deutschland. Das Programm hat das Ziel, Erstaufnahmeländer wie Jordanien zu entlasten und besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen eine dauerhafte dauerhafte Umsiedlung - englisch Resettlement - zu ermöglichen. Resettlement und humanitäre Aufnahme sind Instrumente der internationalen Verantwortungsteilung bei Thema Flucht und Migration. Da das individuelle Recht auf Asyl nicht außerhalb Deutschlands in Anspruch genommen werden kann, bleibt ersetzen diese Programme für viele Schutzsuchenden oft nur die Flucht. SZ

Wo werden wir demnächst leben? Das fragen vor allem jene Neuankömmlinge, die bereits Angehörige in Deutschland haben. Peshwar Darwish, 22, syrischer Kurde, ist angereist, um in Friedland seine Familie zu unterstützen, es sind seine Eltern und zwei jüngere Schwestern, 13 und 18 Jahre alt. Seit 2016 lebt Peshwar Darwish in Österreich, seine Brüder dagegen leben in Bonn und Frankfurt. Umso größer ist jetzt die Enttäuschung: Darwishs Eltern und die Töchter sollen nach Bayern ziehen. Wohin genau? Das können weder die Sozialarbeiterinnen noch die Leute der Caritas sagen. Auch sie erfahren es meist erst am Tag vor der Abreise der Geflüchteten aus Friedland. Am liebsten würden die Darwishs nach Bonn ziehen, zu einem der Söhne. Er ist auf einem Auge blind und macht gerade eine Ausbildung, die Eltern wollen ihn unterstützen. Und umgekehrt.

Wohin die Flüchtlinge geschickt werden, entscheidet sich nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel, der vieles regelt zwischen den Bundesländern. Bei der Verteilung der Resettlement-Flüchtlinge versucht das Asylbundesamt zu berücksichtigen, wenn es bereits Angehörige in Deutschland gibt, heißt es in Friedland. Ist die Quote des Wunschbundeslands aber ausgeschöpft, müssten die Menschen mit einem anderen Land vorliebnehmen.

Das ist für viele eine Enttäuschung. In der Hoffnung, noch etwas zu ändern, wenden sich einige an die Beratungsstellen in Friedland. Angela Paul von der Diakonie führt mehrere Gespräche am Tag, neben ihr sitzt immer ein Dolmetscher. Um halb zwölf ist ein Paar aus Syrien dran. Sie sollen nach Berlin ziehen und wollen es kaum glauben. Denn einige ihrer engsten Angehörigen, sogar ihre Kinder, leben in Rheinland-Pfalz. Das syrische Paar hat schon viel vorbereitet für das Wunschziel, die beiden zeigen Angela Paul sogar einen Mietvertrag für eine Wohnung, die ihr Sohn für sie organisiert hat. Alles vergeblich?

Paul erklärt, was sie oft erklärt: dass sie keinen Einfluss auf die Verteilung habe. Da brechen die beiden in Tränen aus. "Wenn ich nicht zu meinen Kindern kann, gehe ich zurück in die Türkei", sagt die Frau und reibt sich die Augen. Die Dolmetscherin reicht ihr ein Taschentuch. Angela Paul sagt, dass sie nicht die einzigen in dieser Lage seien, aber das ist kein Trost. Sie könne nur bei der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen nachfragen, die sich dann mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Verbindung setze, um den Fall neu zu prüfen. Vielleicht? Wahrscheinlich? Paul jedenfalls möchte dem Paar keine Hoffnung machen. Die beiden Syrer verlassen den Raum, tief enttäuscht, zuvor aber bedankt sich der Mann, weil Paul so nett und hilfsbereit sei. Solche Gespräche sind für die Sozialarbeiterin Alltag: "Es ist eine mühsame Verständnisarbeit." Das Verteilsystem kann Familien zerreißen, sie erlebt es immer wieder. So mischen sich in Friedland, diesem Ort der humanitären Aufnahme, extreme Gefühle: die Freude über das Ankommen in Deutschland, und die Verzweiflung, weiter von den Liebsten getrennt zu sein.

Am Nachmittag sitzen Peshwar Darwish und seine Familie an einem Steintisch zwischen den Baracken und einem sandigen Fußballfeld. Während der junge Mann von Krieg und Flucht erzählt, packt sein Vater seine Zigaretten aus. "Er ist nervös", sagt Darwishs Mutter und lacht über ihren Mann. Der möchte wissen, wie es für seine Familie weitergeht. "Hier ist es gut, aber wenn wir nach Bonn ziehen, wird es besser", sagt er. Er hofft weiter.

Später spricht Peshwar Darwish nochmals mit den Caritas-Mitarbeitern. Und dann, am Tag vor der Abreise, kommt die ersehnte Nachricht: Die Familie darf zwar nicht nach Bonn, aber nach Raunheim bei Frankfurt ziehen, wo der andere Sohn wohnt. Ein Kompromiss, immerhin.