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Glosse:Das Streiflicht

(SZ) Seltsam, dass so viele Menschen heute auf dem Weg zu sich selbst sind, obwohl das von allen Wegen der beschwerlichste und der mit dem unattraktivsten Ziel ausgestattete ist. All die Wanderer, die sich plötzlich aufmachen! An Hape Kerkeling und seine verzweifelt ihm nachlatschenden Leser haben wir uns inzwischen gewöhnt. Andererseits haben die ja auch recht: Es gibt viel zu viel Routine im Leben, viel zu viele Espressomaschinen, viel zu viele Fernsehprogramme, kurz: viel zu viele hoch entwickelte Arten, sich tödlich zu langweilen. Man kann überall hinfahren, nach Sri Lanka, nach Laos, nach Kärnten, und an jedem dieser Orte ist es nach einer Woche genau so wie in Pirmasens oder in Bad Arolsen, weil man sich unmittelbar nach der Ankunft ins Wlan-Netz einwählt, um direkt aus der Spon-Kolumne zu erfahren, dass man die falsche Sicht auf die Welt hat, die falsche politische Einstellung besitzt und leider auch die falschen Bücher liest. Man müsste einfach mal in Gegenden fahren, wo man überrascht wird. Zum Beispiel wandert Ulrich Tukur, der famose Schauspieler, nächstes Jahr durch Bulgarien, die Türkei und Georgien, wo man, wie Tukur sagt, tatsächlich noch überrascht werde und nicht jeder auf dem Handy rumwische.

Nun sind ja diese drei Länder bekannt dafür, dass dort niemand ein Handy besitzt, weil die Menschen in der Türkei, in Bulgarien und in Georgien so was von bei sich selbst sind, dass sie gar nicht mit anderen Leuten reden wollen. Und dann wandert dort im kommenden Sommer Ulrich Tukur zusammen mit seinem Freund Günter Märtens ein und macht alle völlig kirre. Dazu wollen sie einen Esel mieten, der ihre ganzen Klamotten schleppen muss. Zwei Fragen: Ist es euch egal, ob der Esel vielleicht auch lieber bei sich sein möchte? Kommt auch Martina Gedeck? Nein, Martina Gedeck hat die Wanderung schon hinter sich - sie spielte in der Verfilmung von Kerkelings Wander-Epos mit. Exakt weiß sie es nicht, sie kann sich aber vorstellen, dass man bei einer längeren Wanderung am Ende zu sich selbst kommt. Tja, und dann?

Dann ist man endlich bei sich selbst angekommen und steht dort ziemlich verlegen herum, weil man sich überhaupt nicht auskennt. Warum ist bei sich selbst alles so unaufgeräumt? Wieso stehen bei sich selbst so viele ungelöste Probleme herum, und wer hat die da bitte hingestellt? Woran liegt es, dass bei sich selbst immer nur so eine Art Notbeleuchtung glimmt - hat es damit zu tun, dass schon so viele Sicherungen durchgebrannt sind? Wie kann es sein, dass man bei sich selbst weniger erfährt als in einer herkömmlichen Maischberger-Sendung? Weshalb kann man bei sich selbst so wenig Anregungen für sich selbst bekommen, und vor allem: Warum um Himmels willen gibt es bei sich selbst eigentlich keinen Handy-Empfang?

© SZ vom 24.12.2015
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