Glosse:Das Streiflicht

(SZ) Soeben haben die Biologen eine sensationelle Entdeckung gemacht: Das Meerestierchen Hallucigenia, es lebte vor rund 500 Millionen Jahren, besaß auch einen Kopf. Nicht nur wegen des Namens erinnert Hallucigenia stark an die bayerische Sozialdemokratie. Es gründelte in ewiger Nacht, am Boden der Tiefsee, ohne von den anderen Lebewesen wahrgenommen zu werden; es war stachelig und lief auf vielen Beinchen, ohne wirklich weit zu kommen; es ist nur in fossiler Erstarrung erhalten. Und Bayerns SPD hat ebenfalls einen Kopf, auch wenn viele Leute das nicht für möglich halten.

An der Spitze des Landesverbandes steht Florian Pronold. Lange Zeit galt er als Idealbesetzung. Echte bayerische Sozis dürfen die Realität nicht überbewerten, nur weil sie mit den weltanschaulichen Grundsätzen der Partei kollidiert. Pronold, eine Weile lang auch Jusochef im Freistaat, hat sich stets bemüht, diesen Anforderungen gerecht zu werden. Er belehrte gern das Weiße Haus, wie Weltpolitik geht, und die Gläubigen im Lande, dass das Kruzifix doof sei, ein "Lattengustl" bloß, wie er mit jener Volkstümlichkeit sagte, für welche Bayerns SPD gerühmt wird. Bei der Bundestagswahl 2013 erzielte Florian Pronold das schlechteste Erststimmenergebnis seit Semaias, dem Träumer. Alles war so, wie es sein soll.

Wirklich? Scharfen Beobachtern entging nicht, dass sich Pronold für einen bayerischen SPD-Linken auffallend geschmackvoll kleidet. Die Zeit warnte den staatstragenden Kanzler Schröder schon 2003 vor der "140-jährigen Geschichte der SPD, die ihm nun gegenübersteht, in Gestalt eines 30-Jährigen mit hellbraunen Schuhen und roter Krawatte" - Pronold. Der Rebell von ganz unten links. Aber das ist lange her. Inzwischen raunen Bayerns Genossen: Der Florian ist nicht mehr der alte, seit er sich an sein Amt gewöhnt hat. Erst kürzlich störte er die Strategiedebatten der Jusos über die Lage des staatsmonopolistischen Kapitalismus' mit Nörgeleien: Wenn die jungen Herrschaften etwas engagierter im Wahlkampf wären, würde das die Partei sicher weiterbringen. Zuletzt ließ er sogar durchblicken, dass ein gewisses Maß an Regierungsfähigkeit für die Landes-SPD vielleicht doch nicht völlig falsch sein könnte. Damit war das Maß voll. Vor dem Landesparteitag am Wochenende ist ihm mit Walter Adam ein Gegenkandidat entstanden, ein rauschebärtiger Widersacher, der auszog, die reine Lehre zu retten vor diesem "Karrierepolitiker", dem es doch nur um "den Machterhalt" gehe. Zur Erinnerung: Pronold führt eine Partei, die bei der letzten Landtagswahl 20,6 Prozent erhielt und von der Macht so weit entfernt ist wie das Hallucigenia von einem Münchner Zamperl. Was soll man dazu sagen? Jeder bekommt, was er verdient, selbst Florian Pronold. Es gibt doch noch Gerechtigkeit auf der Welt.

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