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Gesundheitskatastrophe in Simbabwe:Hummer und Cholera

Präsident Mugabe feiert mit 2000 Flaschen Champagner seinen Geburtstag, während in den Hospitälern Frauen in schmutzigen Kreißsälen gebären. Ein Arzt berichtet über die unfassbaren Zustände in Simbabwes Krankenhäusern. Eine Außenansicht von Joost Butenop

Simbabwes Alleinherrscher Robert Mugabe ist am Samstag 85 geworden. Wie jedes Jahr feierte er seinen Geburtstag in unermesslicher Extravaganz. 2000 Flaschen Champagner, 8000 Hummer und 500 Flaschen Whisky wurden für seine Schergen bestellt. Dazu kamen 76 Kühe, die die armen Bauern Simbabwes der Party stiften sollten. Gleichzeitig erlebt das Land eine gigantische humanitäre Krise, wie man sie sonst nur aus Bürgerkriegen kennt.

Der Arzt Joost Butenop, 41, war in diesem Monat im Auftrag der Caritas in Simbabwe, wo er Kliniken auf die Cholera vorbereitete. Butenop arbeitet am Missionsärztlichen Institut in Würzburg.

(Foto: Foto: oH)

Cholera als Symptom des kranken Staates

Was kann man sich zum Geburtstag mehr wünschen als Superlative? Mugabe ist einer der mächtigsten und dienstältesten Herrscher Afrikas. Als er 1980 als 56-Jähriger an die Macht kam, nahm alles einen guten Anfang. Seine Regierung übernahm ein Land in wirtschaftlicher Blüte, das er um ein Gesundheits- und Bildungssystem ergänzte. Inzwischen ist die Inflationsrate so hoch, dass man sich im Grunde das Rechnen sparen kann: 231 Millionen Prozent. Der Niedergang begann vor gut zehn Jahren mit hastig beschlossenen Landreformen und teils brutalen Enteignungen großer Farmen, die von Weißen betrieben worden waren. Kurze Zeit darauf richtete sich der Zorn des Präsidenten gegen vermeintliche Oppositionszentren, die durch die "Operation Murambatsvina" (auf Deutsch: "Müllentsorgung") zerstört werden sollten. Hunderttausende wurden von Heim und Hof vertrieben, sie wurden zu Flüchtlingen im eigenen Land.

Die Konsequenzen könnten dramatischer kaum sein: Simbabwe erlebt seit Jahren eine Hungerkatastrophe. Obwohl auch diesmal die Regenzeit ergiebige Niederschläge brachte, wurden nur geschätzte 30 Prozent des Bedarfs angebaut, zwei von drei Simbabwern sind auf Nahrungsmittelhilfe aus dem Ausland angewiesen. Die Lebenserwartung beträgt 36 Jahre, fast nirgendwo auf der Welt ist sie kürzer. Die Müttersterblichkeit, ein international zuverlässiger Indikator für den Zustand eines Gesundheitssystems, kann sich in Simbabwe mit der Somalias oder der Zentralafrikanischen Republik messen. Mehr als 1100 Frauen sterben während oder nach der Geburt, hochgerechnet auf 100.000 Niederkünfte. Zum Vergleich: In Deutschland liegt diese Rate bei vier Todesfällen pro 100.000 Geburten.

Einst zählte das Gesundheitssystem zu den besten der Welt

Noch einen weiteren Superlativ kann der Diktator seiner Bilanz hinzufügen. Simbabwe erlebt derzeit die größte Cholera-Epidemie in der Geschichte Afrikas. 80.000 Fälle und fast 4000 Tote wurden registriert, aber diese Zahlen sind nur ein Teil der Wahrheit. Da 80 Prozent aller Cholera-Erkrankungen mild verlaufen, muss man von weit mehr als 100.000 Fällen ausgehen. Und noch immer ist die Seuche nicht unter Kontrolle! Mehr und mehr sind auch die ländlichen Regionen betroffen, wo Vorbeugung und Kontrollprogramme besonders schwierig sind. Denn das einst vorbildliche Gesundheitswesen existiert praktisch nicht mehr. Die Cholera ist nur ein Symptom des kranken, zerfallenden Staates.

Noch vor 15 Jahren zählte das simbabwische Gesundheitssystem zu den besten des Kontinents. In der Hauptstadt Harare mit ihren drei Millionen Einwohnern gibt es 37 Einrichtungen zur Gesundheitsversorgung, vom kleinen Gesundheitsposten bis zur einst hoch renommierten Uniklinik, dem Parirenyatwa Hospital. Seit Dezember sind alle großen Hospitäler geschlossen oder werden bestreikt. Das Rückgrat der 37 Einrichtungen in Harare bilden zwölf ambulante Versorgungszentren, sogenannte Polikliniken. In ganz Harare arbeiten derzeit gerade noch sieben Ärzte im staatlichen System. Zwei davon sind Krankenhausdirektoren, die anderen fünf teilen sich die Arbeit in den Polikliniken, die hoffnungslos überfüllt sind. Nicht einmal Notfallversorgung ist gewährleistet.

Alle großen Krankenhäuser im Land, auch in der zweitgrößten Stadt Bulawayo, sind außer Betrieb. Der Mangel an Medikamenten und Material in den Krankenhäusern macht die Arbeit schlicht unmöglich. Wie soll ein Chirurg einen Kaiserschnitt vornehmen, wenn es keine Tupfer gibt, keine sterilen OP-Instrumente, kein funktionierendes Sterilisationsgerät, unzuverlässigen Strom, keinen Sauerstoff, kein fließendes Wasser? Wie soll eine Putzfrau nach einer Geburt den Kreißsaal säubern, wenn sie weder Wasser, Seife, Desinfektionsmittel, Wischmopp, Eimer noch Handschuhe hat?

Täglich stirbt eine Frau im Kreißsaal

Auf demselben Geburtstisch im Mpilo Hospital in Bulawayo gebären vier Frauen nacheinander, ohne dass das Bett auch nur einmal mit Wasser oder einem trockenen Lappen abgewischt wird! Einst wurden hier in zehn Kreißsälen gleichzeitig Geburten begleitet. Problemfälle wurden sofort zum Kaiserschnitt in den OP geschickt. Heute stirbt hier fast täglich eine Frau an Geburtskomplikationen, die leicht hätten kontrolliert werden können. Darüber hinaus werden die wenigen rudimentären Dienste auch noch abgerechnet, natürlich unter der Hand. Eine normale Geburt kostet 100 US-Dollar, ein Kaiserschnitt schlägt mit 2000 Dollar zu Buche. Medikamente, Infusionen, Nadeln für Spritzen, alles müssen der Patient oder dessen Angehörige selbst auf dem Markt einkaufen.

Krankenschwestern sind mehrfache Billionäre

Ein weiteres Problem sind die Gehälter des Klinikpersonals. Sie werden in der lokalen Währung, dem Simbabwe-Dollar, ausgezahlt. Alle Krankenschwestern sind mehrfache Billionäre, umgerechnet jedoch halten sie am Ende des Monats den Gegenwert von zwei US-Dollar in den Händen. Im Ausland sind sie eine gesuchte Spezies. Was liegt also näher, als dort einen Job anzunehmen und die Familie von außen zu unterstützen?

Der Kollaps des Systems kann kaum vollständiger sein. Die vergangene Woche ins Amt eingeführte Regierung der Nationalen Einheit, mit dem bisherigen Oppositionsführer Morgan Tsvangirai als Premier, hat eine riesige Aufgabe vor sich. Ihr Budget für 2009 beträgt umgerechnet 1,9 Milliarden US-Dollar, oder 66,5 Quadrilliarden Simbabwe-Dollar. Knapp 158 Millionen US-Dollar, rund neun Prozent des Gesamtbudgets, sind für Gesundheit eingeplant. Allerdings würde es schon 250 Millionen kosten, um nur die Grundversorgung wieder herzustellen.

Der neue Gesundheitsminister Henry Madzorera wird von Tsvangirais Partei, dem MDC, gestellt. Der Arzt hat Erfahrungen im Management und in Menschenrechtsarbeit, gilt aber politisch als unerfahren - und über der Regierung steht nach wie vor Mugabe, der 85-Jährige. Wie schrieb am Samstag, zum Geburtstag, die Staatszeitung The Herald? "Wenn jeder nur einen Bruchteil dessen gibt, was Kamerad Mugabe für dieses Land getan hat, wird dies das fortschrittlichste Land der Welt werden." Die Aussichten für Simbabwe scheinen also eindeutig zu sein.

© SZ vom 23.02.2009/jkr
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