Geografie Das Japanische M.

Tokio wirbt im Streit mit Korea um Verbündete in Deutschland.

Von Christoph Neidhart

Dass Schenkungen nicht immer in selbstloser Absicht erfolgen, wird an diesem Montag Karin Kammann-Klippstein erfahren. Die Präsidentin des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie wird von der japanischen Generalkonsulin in Hamburg, Kikuko Kato, eine deutsche "Erdkarte in Mercators Projection" von 1856 überreicht bekommen, genauer: eine Reproduktion jener "historisch wertvollen Weltkarte", die Berlin 1938 dem "hydrographischen Institut" von Nippons Marine schenkte.

Die Karte identifiziert das Meer zwischen Japan und der koreanischen Halbinsel als "Japanisches M.". Dies belege, zitiert die Zeitung Yomiuri das japanische Außenministerium, "dass der Name 'Japanisches Meer' historisch weltweit verwendet wurde". Mit der Kartenübergabe in Hamburg will Japan also bekräftigen, dass es ein historisches Monopol auf die Namensgebung für dieses Seegebiet hat.

Japan und Südkorea ringen seit Langem darum, wie das Meer heißen soll, das sie trennt. Schon bei der 6. UN-Konferenz zur Standardisierung geografischer Namen 1992 verlangten die beiden Koreas, die See müsse "Ostmeer" heißen. Die Koreaner nennen das "Gelbe Meer" im Westen der Halbinsel "Westmeer" und die See im Süden "Südmeer". Auch Südkoreas Regierung belegt seine Forderung mit historischen Karten, etwa einer französischen aus dem Jahr 1700, auf der die See "Mer Orientale" heißt, also "Ostmeer".

Von seiner Forderung einer Umbenennung ist Seoul zwar abgerückt; es verlangt nur noch, beide Namen sollten offiziell akzeptiert werden. Die "Internationale Hydrographische Organisation" (IHO) bemüht sich seit Jahren um einen Kompromiss, doch Tokio will davon nichts hören, derzeit schon gar nicht. Die Beziehungen zwischen den beiden Regierungen könnten kaum schlechter sein. Südkoreanische Gerichte haben japanische Konzerne zur Kompensation von Zwangsarbeitern verurteilt, die während des Zweiten Weltkriegs ausgebeutet worden seien. Tokio lehnt diese Forderungen ab: Alle Ansprüche Seouls seien mit dem Normalisierungsvertrag von 1965 abgegolten. Auch der Zwist über Koreanerinnen, die im Krieg in Japans Feldbordelle verschleppt wurden, schwelt weiter. Und Japan streitet mit Südkorea auch um Inseln im Meer.

Als die IHO 1928 begann, Meeresnamen zu standardisieren, war Korea eine japanische Kolonie. Nach dem Krieg war der Süden eines der ärmsten Länder der Welt, der Norden isoliert. UN-Mitglieder sind beide erst seit 1991. Vorher hatten sie kein Forum, um den Namen "Ostmeer" zu propagieren. Der japanisch-südkoreanische Vertrag von 1965 wurde für Seoul von Diktator Park Chung-hee ausgehandelt, der bis 1945 Offizier der japanischen Armee war. Aus der Sicht des modernen Südkorea ist das also kein Vertrag gleichberechtigter Partner. Zudem sei das Ausmaß der japanischen Repression damals noch nicht bekannt gewesen.

Auf dem unscharfen Foto, welches Tokio von der alten Weltkarte veröffentlicht hat, befinden sich Länder und Städte, die es heute nicht mehr gibt oder die anders heißen. Insofern kann man das japanische Geschenk an das Bundesamt auch als einen Beleg dafür sehen, dass sich geografische Namen mit der Zeit eben ändern.