Gegenveranstaltung:Elmauer "Marionettentheater"

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G7-Gipfel 2015 - Gipfel der Alternativen

"Ach, die G 7": Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Der G-7-Alternativgipfel arbeitet sich am sozialen Ungleichgewicht der Welt ab.

Von Sebastian Gierke

Jean Ziegler ist ein Mann der klaren Worte. "Ach, die G 7. Was die tun, ist uninteressant. Von dem, was in Heiligendamm im Jahr 2007 beschlossen wurde, wurde nichts umgesetzt. Die G 7, das sind nur die Befehlsempfänger und ihre Befehle bekommen sie von den Konzernen." Für den ehemaligen UN-Diplomaten und Globalisierungskritiker ist die Sache darum klar: "In Elmau wird nur ein Marionettentheater aufgeführt." Das sagt der 81 Jahre alte Soziologe im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung und er sagt es ähnlich pointiert auf dem Alternativgipfel in München. Bei der Gegenveranstaltung zum G-7-Treffen diskutierten bis Donnerstagabend mehr als 600 Teilnehmer aus vier Kontinenten über Möglichkeiten für eine gerechtere Welt.

Die Inszenierung macht klar, worum es geht: Wir hier unten gegen die da oben. Die im Schloss, fernab der Realität, fernab von Hunger und Not, verbarrikadiert hinter Zäunen und beschützt von Tausenden Polizisten. Und wir hier in einer Halle in Münchens Zentrum, die Vielen, die Vertreter der Unterdrückten und Ausgebeuteten weltweit. Die Halle ist überfüllt. Die Stimmung ist gut, man ist unter sich. Kritiker der Kritiker sind nicht eingeladen.

Die Eröffnungs- und Grundsatzrede der indischen Ökonomin Jayati Ghosh, Professorin an der Universität von Neu-Delhi, gibt die Richtung vor. Sie spricht von der "Anarchie des Kapitals", über das die "Lords der westlichen Hemisphäre" wachten. Diese Lords hätten Dämonen erzeugt, die sich jetzt gegen sie selbst wendeten. Sie meint Ungerechtigkeit, Kriege, Umweltverschmutzung, Klimawandel - und den "Islamischen Staat".

Die hier versammelten Kritiker des G-7-Gipfels geben den sieben führenden westlichen Wirtschaftsnationen die Verantwortung für die globalen Krisen. Seit Heiligendamm habe sich das soziale und ökonomische Ungleichgewicht auf der Welt sogar noch verstärkt. Die Reichen würden immer reicher, die Armen immer ärmer. Die G 7 mit ihrem Bestreben, den Neoliberalismus als das alles bestimmende politische System zu etablieren und außerdem den Welthandel zu dominieren, trügen dafür die Verantwortung.

Die Menschenrechtsaktivistin Bettina Cruz Velázquez berichtet aus ihrer Heimat Mexiko. Die Agrarwissenschaftlerin trägt ein Blumenkleid, doch ihr Gesichtsausdruck steht zur bunten Fröhlichkeit des Kleidungsstücks in grimmigem Kontrast. Im Gesicht spiegelt sich Wut. "Wir glauben nicht daran, dass auf dem Gipfel in Elmau Lösungen für die Probleme gefunden werden, die uns in Mexiko helfen", sagt Cruz Velázquez. Die sogenannten Lösungen der G-7-Staaten seien es ja erst gewesen, die diese Probleme verursacht hätten: Hunger, Vertreibung, Klimaerwärmung. Die G-7-Staaten hätten ihren Reichtum auf Kosten von Armut und Zerstörung der Natur gemacht. Die Entscheidungen, die diese Staaten träfen, hätten anderswo Vertreibungen und Hunger zur Folge.

Weltfremd und naiv seien sie, wird den Gegnern des G-7-Gipfels vorgeworfen. Ihre Kritik am "globalen Kapitalismus" würde der Komplexität internationaler Handelsbeziehungen, der Komplexität einer globalisierten Welt nicht gerecht. Tatsächlich ist das Bild, das einige hier zeichnen, recht simpel: schwarz-weiß. Gut gegen Böse. So lässt sich auch am besten Stimmung machen. Manchmal klingen Verschwörungstheorien an.

Revolutionär geht es auf dem Gipfel der Alternativen nicht zu. Hier geht es um Revision statt Revolution. Das System, so realistisch sind die meisten hier, soll nicht zerstört werden, sondern die Strukturen des Systems sollen verändert werden. Immerhin: Die Demokratie biete dafür die besten Voraussetzungen.

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