G 20 in Ankara:Arrogante Ignoranten

Die Flüchtlinge machen die unbewältigten Probleme der Globalisierung sichtbar. Die globale Finanz- und Wirtschaftselite kümmert sich bei ihrem Treffen allerdings nicht darum.

Von Cerstin Gammelin

Und nun? Zwei Tage haben die globalen Finanz- und Wirtschaftseliten in der türkischen Hauptstadt zusammengesessen, am Ende gab es eine dreiseitige Abschlusserklärung, in der einiges zur Kenntnis genommen, aber nichts beschlossen wurde. Daraus zu schlussfolgern, die G 20 seien Zeit- und Ressourcenverschwendung und gehörten abgeschafft, ist allerdings weit gefehlt.

Die Treffen der Weltgemeinde sind schon deshalb nötig, um miteinander im Gespräch zu bleiben. Sie sind eine Art globaler Gesprächstherapie. Man sieht sich, redet miteinander und staunt gelegentlich übereinander. Das alles findet freilich nicht am Sitzungstisch statt, wo neben den 20 Staaten, die der Veranstaltung den Namen geben, ein Vielfaches an Ländern und Organisationen vertreten ist. Allein in Ankara saßen sechzig Repräsentanten am Tisch - was dazu führte, dass Gesichter nur über große Bildschirme zu sehen waren; deshalb kam die Runde über nichtssagende Statements nicht hinaus.

Der eigentliche Nutzen der G-20-Treffen liegt, zumindest für die Teilnehmer, in den bilateralen Gesprächen, die am Rande geführt werden. Die Kehrseite davon ist, dass diese vertraulich geführten Besprechungen die offiziellen und überfüllten Sitzungen der Gipfel zunehmend wie Alibi-Veranstaltungen aussehen lassen. Selbst für interessierte Bürger sind die Veranstaltungen nicht mehr zu verstehen.

Der jüngste Gipfel in Ankara als Beispiel: Offiziell ging es um China, aber am Rande mindestens genauso um Iran und die Ukraine. In der Abschlusserklärung finden sich allerdings alle drei Länder nicht wieder; und die großen Sorgen, welche das Führungspersonal rund um den Globus umtreiben, sind höchstens zwischen den Zeilen zu deuten. Das Verschweigen ist fahrlässig. Es ist auch für Bürger wichtig zu wissen, wie es mit der chinesischen Volkswirtschaft weitergeht, schließlich sind alle großen Volkswirtschaften eng miteinander verflochten. Wächst China nur fünf statt sieben Prozent, verringert diese Differenz die deutsche Wachstumsprognose um 0,25 Prozentpunkte.

Ähnlich wichtig ist der Nachbar Ukraine. Im Osten des Landes tobt ein Krieg, die Wirtschaft liegt am Boden, das Land könnte bald zahlungsunfähig werden. Die Regierung in Kiew bekommt aber nur dann einen Kredit vom Internationen Währungsfonds, wenn es zuvor einen Schuldenschnitt durchsetzen kann, weshalb die ukrainische Finanzministerin in Ankara alles versuchte - den Deal aber doch nicht festzurren konnte. Schließlich waren die Amerikaner gefragte Gesprächspartner, weil es am US-Kongress hängt, ob demnächst die wirtschaftlichen Beziehungen zu Iran normalisiert werden können. Auch deutsche Unternehmen warten.

Wer so auftritt, verliert seine Glaubwürdigkeit

Schon jetzt wird sich mancher Bürger fragen, ob er den G-20-Lenkern dabei noch vertrauen sollte, dass sie globale Krisen tatsächlich verhindern oder bewältigen können. Diese Frage stellt sich umso dringender, weil der G-20-Gipfel in Ankara von den Ausläufern einer solchen Krise eingeholt wurde, ohne dass sie den Organisatoren ein einziges Wort wert gewesen wäre: die zunehmenden Flüchtlingsströme.

Am Vortag des Gipfels wird ein totes Flüchtlingskind an der türkischen Küste angeschwemmt, Hunderttausende Flüchtlinge sind in der Türkei aufgenommen worden oder weitergezogen, sie kommen aus Afghanistan, dem nahen und mittleren Osten, aus Afrika. Die Flüchtlinge machen die unbewältigten Probleme der Globalisierung sichtbar, welche die G 20 angeblich lösen will.

In Ankara hat die globale Finanz- und Wirtschaftselite die Flüchtlinge arrogant ignoriert. Wer so auftritt, riskiert, jede Glaubwürdigkeit zu verlieren. Es wäre schade um G 20.

© SZ vom 07.09.2015
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