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Frauen als Nazi-Verbrecherinnen:Die vergessenen Rädchen

Frauen gelten dann als NS-Täterinnen, wenn sie ohne Unrechtsempfinden agierten und dadurch mit den menschenverachtenden Zielen des Nationalsozialismus konform gingen. Und das waren neben den prügelnden und mordenden KZ-Aufseherinnen in letzter Konsequenz auch die Fürsorgerinnen oder (braunen) Rot-Kreuz-Schwestern.

kz aufseherinnen konzentrationslager bergen-belsen 1945 Imperial War Museum

Aufseherinnen in Bergen-Belsen nach der Befreiung des Konzentrationslagers im April 1945

(Foto: Foto: Imperial War Museum)

Und all die bislang wenig beachteten Sekretärinnen und Nachrichtenhelferinnen, kurz: die "vergessenen" Täterinnen - sie waren allesamt Rädchen im großen Getriebe des NS-Staates.

Frauen kamen in der Nachkriegsjustiz in aller Regel glimpflich davon. Die milden Urteile resultierten aus der richterlichen Annahme, Frauen seien eher als Statistinnen des Verbrechens zu werten.

Beide Studien belehren uns eines Besseren.Das Regime war auf Frauen angewiesen: Im kleinen Alltagskosmos mussten Frauen ihren "Mann stehen", sie wurden gebraucht, um das System zu stabilisieren. Ihre Partizipation war - scheinbar - mit einer kollektiven Aufwertung verbunden.

Hier liegt der Ursprung für die bis heute weiterwuchernden Mythen, die Frau und Mutter habe im Nationalsozialismus besondere Wertschätzung genossen. Dieser Einschätzung steht die völlige Abwertung der Frau als Einzelperson entgegen.

Ein Gefühl von Emanzipation

Die Aufgaben der Frauen im Kriegseinsatz und an der "Heimatfront", die Belohnungen für Loyalität und regimekonformes Verhalten, all das übertünchte die weiterwirkende Ungleichheit und gab vielen Frauen das Gefühl, auf dem Wege der Emanzipation vorangekommen zu sein.

Fotos lachender, flirtender, die Freizeit genießender SS-Helferinnen sind bekannt. Sie wirken als "normale" junge Frauen, nicht als mordende Bestien. Was unterschied diese Frauen, die im KZ töteten und folterten, von anderen Frauen?

Diese Frage stellten sich Marita Krauss und weitere elf Autorinnen, die sie zur Mitwirkung an ihrem Sammelband eingeladen hat.

Möglicherweise, so eine These, mussten aufstiegsorientierte Frauen besonders linientreu und dienstbar agieren, um bezüglich der Karrierechancen zu den Männern aufzuschließen, ohne an sie heranzureichen. Beide Bücher haben einen wichtigen Anstoß zur Täterinnenforschung gegeben.

KATHRIN KOMPISCH: Täterinnen. Frauen im Nationalsozialismus. Böhlau Verlag, Köln-Weimar-Wien 2008. 277 Seiten, 22,90 Euro.

MARITA KRAUS (Hrsg.): Sie waren dabei. Mitläuferinnen, Nutznießerinnen, Täterinnen im Nationalsozialismus. (Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte Bd. 8). Wallstein Verlag, Göttingen 2008. 262 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 2. März 2009/odg
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