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Folteraffäre:Endloser Krieg, endloser Strom von Fotos

Endloser Krieg, endloser Strom...

Beim Anblick dieser Bilder fragt man sich, wie jemand grinsen mag angesichts des Leidens und der Erniedrigung anderer Menschen; wie jemand Wachhunde auf die Genitalien und die Beine zusammen gekauerter nackter Gefangener hetzen mag; wie jemand Gefangene vergewaltigen oder durch Akte der Sodomie quälen mag; Gefangene mit Hauben über dem Kopf und in Handschellen zwingen mag, zu masturbieren oder aneinander sexuelle Akte vorzunehmen.

Man kommt sich ein wenig naiv vor, diese Fragen zu stellen, denn die Antwort ist bekannt. Menschen tun einander diese Dinge an. Vergewaltigung und Schmerzen, die Genitalien zugefügt werden, gehören zu den häufigsten Folterarten. Nicht nur in Nazi-Konzentrationslagern oder im Abu-Ghraib-Gefängnis zur Zeit Saddam Husseins.

Auch Amerikaner tun so etwas, wenn man ihnen erklärt oder das Gefühl gibt, dass diejenigen, über die sie absolute Macht haben, solche Misshandlungen, Qualen und Erniedrigungen verdienen. Sie tun es, wenn man sie überzeugt, dass die Menschen, die sie foltern, einer minderwertigen, verachtenswerten Rasse oder Religion angehören.

Die Bedeutung dieser Bilder liegt nicht nur darin, dass sie von solchen Handlungen Zeugnis geben, sie liegt auch darin, dass die Täter keinerlei Unrechtsbewusstsein hatten angesichts dessen, was die Bilder zeigen. Noch erschreckender ist, dass sie dabei Spaß hatten, denn die Bilder sollten ja in Umlauf gebracht und von vielen gesehen werden. Diese Vorstellung von Spaß gehört, leider, immer mehr zur "wahren Natur Amerikas" - entgegen der Ansicht, von der George Bush die Welt überzeugen möchte.

Die zunehmende Akzeptanz von Brutalität im Leben der Amerikaner ist schwer messbar, doch sie macht sich überall bemerkbar: angefangen bei den mörderischen Videospielen, die zum Lieblingszeitvertreib vieler Jungs gehören - kann da das Videospiel "Terroristen verhören" lange auf sich warten lassen? - bis hin zu der Gewalt, die häufig Bestandteil von Gruppenriten übermütiger Jugendlicher auf der Suche nach dem Extra-Kick geworden sind.

Brutale Gewaltverbrechen sind rückläufig, doch das leicht zu habende Ergötzen an Gewalt ist gestiegen. Von den qualvollen Initiationsriten, die an vielen suburbanen Highschools in Amerika neu aufgenommenen Schülern abverlangt werden - sie wurden in Richard Linklaters Film "Dazed and Confused" ("Sommer der Ausgeflippten", 1993) geschildert - bis hin zu Ritualen mit brutalen körperlichen Schikanen und erniedrigenden sexuellen Handlungen, die an Colleges, Universitäten und in Sport-Teams praktiziert werden - überall in Amerika werden Gewaltfantasien und Gewaltausübung zunehmend als unterhaltsamer Spaß betrachtet.

Was früher als Pornografie ausgegrenzt war, etwa extrem sado-masochistisches Verlangen - wie in Pasolinis letztem, beinahe unerträglichem Film Die 120 Tage von Sodom (1975) zu sehen - der Film schildert qualvolle Orgien in einem faschistischen Refugium in Norditalien am Ende der Ära Mussolini - bekommt nun unter den Aposteln eines neuen, kriegslüsternen imperialen Amerika als vergnügliche Unterhaltung oder als Mittel zur Spannungsabfuhr den Anstrich des Normalen.

Nackte Menschen übereinander zu schichten wird von einem Anrufer in der von 20 Millionen Hörern verfolgten Radio-Sendung des Moderators Rush Limbaugh mit den Streichen einer College-Burschenschaft verglichen. Hat der Anrufer die Folter-Fotos selbst gesehen? Egal. Er hat mit seiner Bemerkung, oder war es seine Vorstellung, ins Schwarze getroffen. Was vielleicht doch noch manche Amerikaner schockiert haben mag, war Limbaughs Reaktion: "Genau!", rief er aus, "das ist haargenau meine Ansicht.

Nichts anderes geschieht bei den Initiationsriten der Skull-and-Bones (Geheimbund an der Yale-Universität). Und deswegen wird nun das Leben (anständiger) Menschen ruiniert, und wir machen unsere militärischen Anstrengungen (im Irak) zunichte? Wir sollten nicht auf sie eindreschen, nur weil sie sich ein wenig Spaß erlaubt haben." Mit "sie" sind die amerikanischen Soldaten gemeint, die gefoltert haben. Limbaugh fuhr fort: "Soll ich Ihnen mal was sagen...auf diese Jungs wird täglich geschossen. Haben Sie schon mal etwas von Spannungsabfuhr gehört?"

Wir leben in einer Kultur der Bewunderung von Brutalität

Möglicherweise finden es ziemlich viele Amerikaner eher in Ordnung, wenn andere Menschen gefoltert und gedemütigt werden - Menschen, die als ihre mutmaßlichen Feinde ohnehin alle ihre Rechte verwirkt haben -, als sich den Irrsinn und die Absurdität und die fehlende Legitimation des amerikanischen Abenteuers im Irak einzugestehen.

An der Tendenz, Folter und sexuelle Demütigung als Spaß zu verstehen, wird sich wenig ändern, solange Amerika sich immer mehr in eine Festung verwandelt, in der nur als Patriot gilt, wer sich vor Waffengewalt mit bedingungslosem Respekt verneigt und maximale staatliche Überwachung als Notwendigkeit anerkennt. Schock und Einschüchterung hatte das amerikanische Militär jenen Irakern versprochen, die sich ihren Befreiern entgegenstellen. Doch Schock und Schreckliches haben sie über das Land gebracht, wie die Folter-Fotos zeigen: kriminelle Verhaltensmuster, die allen Menschenrechtskonventionen spotten.

Kann es uns wirklich überraschen, dass amerikanische Soldaten sich mit hochgerecktem Daumen bei ihrem scheußlichen Tun fotografieren oder filmen lassen und die Bilder an ihre Kumpels und ihre Familie versenden? Wir leben schließlich in einer Gesellschaft, in der Geheimnisse aus dem Privatleben, die wir früher diskret verschwiegen hätten, in TV-Talkshows laut hinaus posaunt werden. Was uns diese Folter-Bilder verdeutlichen ist eine Kultur der Schamlosigkeit und der offenen Bewunderung von Brutalität.

Die Vorstellung, Entschuldigungen oder Bekundungen von Entsetzen oder Abscheu durch den US-Präsidenten und seinen Verteidigungsminister seien eine angemessene Reaktion auf die systematische Folter im Abu-Ghraib-Gefängnis, ist ein Schlag ins Gesicht jedes historischen oder moralischen Bewusstseins.

Die Folter von Gefangenen ist keine simple Verfehlung. Sie ist vielmehr die logische Konsequenz einer Ideologie des "wer nicht mit uns ist, ist gegen uns", mit der die Bush-Administration die Position Amerikas auf der internationalen Bühne grundlegend stärken und manche nationalen Institutionen und Vorrechte neu definieren wollte. Diese Regierung schwor das Land auf eine pseudo-religiöse Kriegsdoktrin ein - auf einen endlosen Krieg - denn nichts anderes ist dieser Krieg gegen den Terror.

Was in dem neuen Machtbereich internationaler Gefangenenlager unter der Führung des US-Militärs vor sich geht, übertrifft sogar die berüchtigten Prozeduren auf der Teufelsinsel vor der Küste von Französisch-Guayana und im sowjetischen Gulag. Den Häftlingen auf der französischen Gefängnisinsel war wenigstens ein Strafprozess mit abschließendem Urteilsspruch beschieden, und die russischen Gefangenen wussten immerhin, weswegen sie angeklagt waren und wie viele Jahre sie zu verbüßen hatten.

Ein endloser Krieg scheint jedoch eine Inhaftierung ohne erkennbares Ende zu rechtfertigen. Eine Inhaftierung ohne Anklage, ohne Bekanntgabe der Häftlingsnamen und ohne jeden Kontakt zu Familienangehörigen und Anwälten, ohne Prozess und ohne Urteil. Die Häftlinge unter amerikanischer Herrschaft, die aber nicht amerikanischem Recht unterstehen, werden als "Internierte" bezeichnet. Das Wort "Gefangene" scheint neuerdings obsolet zu sein.

Es könnte ja zu dem Schluss verführen, dass die Lagerinsassen gewisse Ansprüche nach internationalem Recht oder nach dem Recht zivilisierter Nationen haben. Dieser "Global War on Terror" (GWOT) - unter den laut Pentagon-Erlass die gerechtfertigte Invasion in Afghanistan ebenso wie der zum Scheitern verurteilte Wahnsinn im Irak fällt - führt unweigerlich zur Entmenschung eines jeden, der von der Bush-Administration als möglicher Terrorist verdächtigt wird. Eine öffentliche Debatte, was darunter zu verstehen ist, wird nicht geführt. Darüber wird meist im Geheimen entschieden.

Da gegen die wenigsten Inhaftierten im Irak und in Afghanistan konkrete Erkenntnisse einer Schuld vorliegen, wird als Grund für ihre Internierung meist "Vernehmung" angegeben. Laut Berichten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) scheinen zwischen 70 und 90 Prozent der Gefangenen nichts anderes verbrochen zu haben, als zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen und so in eine Razzia geraten zu sein. Worüber werden die Gefangenen befragt? Über alles mögliche, was der Befragte wissen könnte. Solange das Vernehmen aber der einzige Anlass ist, einen Gefangenen auf unabsehbare Zeit festzuhalten, werden körperlicher Zwang, Demütigung und Folter nicht ausbleiben.

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