bedeckt München 20°

Europäische Sozialstudie:Deutschland nur im Mittelfeld

Deutschland schneidet bei einer neuen Studie mittelmäßig ab. Schlecht sind Ergebnisse im Bildungsbereich und im Generationenverhältnis. Gut steht die Bundesrepublik bei der Geschlechtergleichstellung da.

Johannes Boie

Deutschland gerade noch Mittelfeld, Skandinavien top, die südlichen Länder Europas als Schlusslicht: Eine aktuelle Studie hat sich dem Thema "Wie sozial ist Europa" gewidmet. Deutschland landet auf Platz 19 - hinter Tschechien, Bulgarien und Polen. Auf Platz eins behauptet sich Schweden, die letzte Position nimmt Griechenland ein.

Die skandinavischen Länder bilden unangefochten die Spitzengruppe in der Sozialstudie.

(Foto: Foto: berlinpolis)

Die Studie des Thinktanks Berlinpolis schlüsselt öffentlich zugängliche Datenquellen wie Eurostat und OECD-Daten nach den Themenfeldern Einkommensverteilung, Arbeitsmarkt, Bildungschancen, Geschlechtergleichstellung und Generationenverhältnis auf. Deutschland punktet vor allem im Bereich Geschlechtergleichstellung. Besonders schlecht für die Bundesrepublik sind einzelne Ergebnisse im Bildungsbereich und im Generationenverhältnis.

Im Feld der Einkommensverteilung behauptet sich Deutschland im Mittelfeld, die Ungleichheit ist hierzulande im vergangenen Jahr minimal gestiegen. Ganz weit vorne liegen dagegen Schweden, Dänemark und die Niederlande. Verschlechtert hat sich in der Bundesrepublik die Altersarmut, obwohl die staatliche Unterstützung besonders hoch ist: Beim Lohnersatz ist Deutschland auf einem hohen sechsten Platz. Schlusslichter des Einkommensverteilungs-Rankings sind Estland, Litauen und Lettland. Auch Großbritannien ergattert nur einen miserablen 23. Platz: Hohe Armutsrisiken werden auf der Insel kaum abgefedert, die Schere zwischen Viel- und Wenigverdienern ist besonders weit geöffnet.

Bei der Untersuchung der Beschäftigungsquote schneidet Deutschland besonders gut ab und stieg in die Spitzengruppe auf, dennoch bleibt die Arbeitslosenquote hierzulande über dem EU-Durchschnitt. Insgesamt liegt die Bundesrepublik beim Thema Arbeitsmarkt auf einem guten achten Platz. Lediglich Italien fällt unter den großen EU-Ländern auf diesem Feld deutlich zurück. Katastrophal fällt das Ergebnis für Deutschland im Hinblick auf Langzeitarbeitslosigkeit aus: Nur in Polen und der Slowakei sind Menschen, die längere Zeit keinen Job hatten, stärker benachteiligt. Ganz anders die Situation in der Spitzengruppe, zu der neben den Niederlanden, Dänemark und Österreich auch Tschechien, Zypern und Slowenien gehören: Hier herrscht nahezu Vollbeschäftigung (Quote unter fünf Prozent).

Bedenklich hoch ist in Deutschland die Zahl von Schulabgängern ohne Abitur. Während Tschechien seit 2005 unangefochten Platz eins belegt, ist Deutschland bei Schulabgängern mit mindestens Sekundarstufe-II-Abschluss in der Schlussgruppe auf Platz 22 zu finden. Neben Tschechien punkten noch weitere osteuropäische Länder: Polen, Slowenien, die Slowakei und Litauen teilen sich die ersten Plätze nach Tschechien. Insgesamt reicht es für Deutschland in der Disziplin Bildungs- und Ausbildungschancen nur für den 15. Platz. Dazu trägt der bittere 22. Platz der Bundesrepublik im Ranking um die sozioökonomischen Hintergründe von Schülern und deren Einfluss auf die Schulleistung bei: Nur Frankreich und Ungarn schneiden noch schlechter ab. Auch Migrantenkinder haben es besonders schwer in Deutschland.

Frauen in Deutschland geht es dagegen besser als in anderen EU-Staaten. Arbeitslosigkeit ist in Deutschland weniger als in jedem anderen EU-Land vom Geschlecht abhängig. Deutschland belegt den ersten Platz im entsprechenden Ranking. Bei weiteren Rankings im Bereich Geschlechterverhältnis ist Deutschland im guten Mittelfeld positioniert. Miserabel schneiden dagegen Österreich, Tschechien und Zypern ab.

Kein europäisches Land wird seine Bevölkerungszahl ohne Zuwanderung erhalten können, stellt die Studie im Feld Generationenverhältnis fest. Was die Relation zwischen junger und alter Bevölkerung betrifft, sieht es in Deutschland besonders düster aus. Nur ein Viertel der Bundesbürger ist jünger als 24 Jahre. Eine ähnliche Überalterung findet sich ansonsten nur in Südeuropa, etwa in Italien, Griechenland und Spanien. Dementsprechend schlecht sind die Altersabhängigkeiten in der Bundesrepublik. Drei Menschen im erwerbsfähigen Alter kommen im Durchschnitt auf einen Senioren. Die Bundesrepublik liegt damit deutlich unter dem EU-Schnitt.

Insgesamt weist die Studie ein hohes Maß an Sozialstaatlichkeit und sozialem Schutz in Europa nach. Bei einer Mehrzahl der Indikatoren hat sich der Durchschnitt seit 2006 positiv entwickelt, ausgenommen davon sind die Demographie-Indikatoren.

© sueddeutsche.de/ihe
Zur SZ-Startseite