Europa als Ziel für Propaganda Strategie der Verwirrung

Russische Trolle versuchen mit Fake News überall zu manipulieren. In Polen nutzen sie dazu vor allem Twitter, wie das Beispiel des Nato-Manövers "Anakonda" im vergangenen Oktober zeigt.

Von Michał Kokot, Gazeta Wyborcza

Im November 2018 provozierten die Russen einen Zwischenfall in der Meerenge von Kertsch zwischen der Halbinsel Krim und dem Festland: Eines ihrer Kriegsschiffe rammte einen ukrainischen Frachter, der zu einem ukrainischen Hafen unterwegs war. Auf Facebook verbreitete sich dazu massiv der Kommentar des Finnen Veikko Korhonen, der das "Recht der Russen auf Verteidigung" energisch verteidigte. Er habe genug von der Propaganda des Westens, die antirussische Stimmungen schüre und außerdem verschweige, dass die Russen halb Europa und halb Asien durch ihren Einsatz im Zweiten Weltkrieg Frieden und Freiheit gebracht hätten.

80 Prozent der zahlreichen Facebook-User, die den Beitrag teilten, hatten keine Ahnung, dass Korhonen gar nicht existiert. Dies geht aus einer Analyse von Stratcom hervor, einer IT-Firma mit Sitz in der lettischen Hauptstadt Riga, die russische Aktivitäten in den sozialen Medien dokumentiert. Sein Profilfoto wurde von einem anderen Facebook-Konto gestohlen, dem des Klimatologen Atte Korholi von der Universität Helsinki. Besonders interessiert Stratcom die Mechanismen, über die diese Art von Fake News in den Nachbarstaaten Russlands verbreitet werden. Auf einer Karte sind die verschiedenen Kategorien von Absendern farblich markiert: Mitarbeiter russischer Troll-Fabriken, Computer-Bots, aber auch echte Personen, nämlich "russische Patrioten".

Angebliche Nachrichten vom Nato-Manöver: Die Hälfte der Konten war falsch

In Polen ist das wichtigste Propagandainstrument der Russen Twitter. Dokumentiert wurde dies am Beispiel des Nato-Manövers "Anakonda" im vergangenen Oktober. Das Außenministerium in Moskau behauptete damals, die Nato wolle die westlichen Nachbarstaaten Russlands massiv aufrüsten; der russische Vizeverteidigungsminister Alexander Fomin ergänzte, das Manöver solle tarnen, dass die Nato große Kampfverbände in Polen unweit der russischen Grenze stationiere. Diese beiden Nachrichten fanden über Twitter massiv Verbreitung in Polen - aber die Hälfte der Konten war falsch und aus Russland gesteuert.

"Die Strategie der Russen besteht darin, Verwirrung zu stiften", erläutert Jānis Sārts, der Direktor von Stratcom. Sie nutzen dabei aus, dass die großen amerikanischen Internetkonzerne, welche die Plattformen für die sozialen Medien zur Verfügung stellen, kaum einer Regulierung unterliegen. Sārts erläuterte im Februar im US-Senat seine Vorschläge, wie Regeln für die Online-Konzerne diesen "schwarzen Markt" austrocknen und somit der russischen Propaganda das Handwerk entscheidend erschweren könnten. Er demonstrierte, wie man über eine russische IT-Firma für 18 Dollar einen positiven Kommentar für das Forum einer Internetseite kaufen kann. Der Auftrag wurde 15 Minuten nach Eingang der Zahlung erledigt.