Einwanderungsgesellschaft:Mehrstaatigkeit und andere Unklarheiten

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Die Union spricht sich gegen den Doppelpass aus. Wie viele Deutsche tatsächlich zwei Pässe besitzen, weiß die Regierung nicht.

Von Bernd Kastner

Genaues weiß niemand: Das Bundesinnenministerium hat eingeräumt, nicht zu wissen, wie viele Deutsche zusätzlich den Pass eines anderen Staates besitzen. Deren Zahl wollte der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck über eine kleine Anfrage herausbekommen, nachdem Unions-Innenminister aus den Ländern den Doppelpass in Zweifel gezogen hatten.

Auslöser waren die jüngsten Pro-Erdo-ğan-Demonstrationen von Deutsch-Türken. Auf Grundlage des amtlichen Nichtwissens kritisiert Beck: "In der Debatte über die mehrfache Staatsangehörigkeit jagen die Innenminister der Union Pokemons in der Fata Morgana." Die Union solle endlich die Einwanderungsgesellschaft mitgestalten, statt alte Debatten aufzuwärmen. Man brauche mehr Einbürgerungen unter genereller Hinnahme der Mehrstaatigkeit. Der Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit durch Kinder dürfe nicht mehr von der Aufenthaltsdauer der Eltern in Deutschland abhängig sein. Derzeit gilt, dass Eltern mindestens acht Jahre in Deutschland leben müssen, soll ihr Neugeborenes den deutschen Pass bekommen. "Die Mehrstaatigkeit ist eine soziale Realität, die keinerlei relevante Probleme verursacht", betont Beck.

Laut Innenministerium gibt es keine gesicherten Daten über die Doppelstaatler. Der Zensus von 2011, der auf den Angaben der kommunalen Meldeämter beruht, weist 4,26 Millionen Deutsche mit einer weiteren Staatsbürgerschaft aus. Laut Mikrozensus von 2015, basierend auf der Befragung von einem Prozent der Bevölkerung, waren es nur 1,69 Millionen. Beide Zahlen gelten als fehlerhaft. So wurden beim Zensus auch Staaten wie die Sowjetunion erfasst, die gar nicht mehr existieren.

Wie unsicher all die Doppelstaatler-Daten sind, zeigt sich auch bei den Kindern ausländischer Eltern, die in Deutschland zur Welt kamen: Bis 2013 - aktuellere Zahlen existieren offenbar nicht - wurden laut Innenministerium auf diese Weise rund 492 000 Kinder auch zu Deutschen. Wie viele es derzeit noch sind, weiß keiner: Es werde nicht erfasst, wie viele Kinder sich aufgrund der - inzwischen wieder abgeschafften - Optionsregel für den anderen Pass entschieden haben.

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