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Die Seele Europas:"Die gläubigen Christen sollten sich als schöpferische Minderheit verstehen"

Vor seiner Wahl zum Papst hatte Kardinal Joseph Ratzinger in der SZ Europa als Kontinent beschrieben, der trotz seines wirtschaftlichen Reichtums innerlich leer zu werden droht: Das Abendland braucht, um zu überleben,eine neue, kritische Annahme seiner christlichen Kultur.

Es gibt in Europa eine seltsame Unlust an der Zukunft. Am deutlichsten ist dies daran zu erkennen, dass Kinder als Bedrohung der Gegenwart angesehen werden; sie werden weithin nicht als Hoffnung, sondern als Grenze der Gegenwart empfunden.

Europa scheint ausgerechnet in der Stunde seines äußersten Erfolgs von innen her leer geworden, gleichsam von einer lebensbedrohenden Kreislaufkrise gelähmt, auf Transplantate angewiesen.

Diesem inneren Absterben der tragenden seelischen Kräfte entspricht es, dass auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen erscheint.

Über die mögliche Zukunft Europas gibt es zwei gegensätzliche Diagnosen. Oswald Spengler glaubte für die großen Kulturgestalten eine Art naturgesetzlichen Verlauf feststellen zu können: Es gibt die Geburt, den Aufstieg, die Blütezeit einer Kultur, ihr Ermüden, Altern, schließlich ihren Tod.

Spengler glaubte, dass das Abendland in seiner Spätphase angelangt sei und auf den Tod zugehe. Natürlich könne es seine Gaben an eine neu aufsteigende Kultur weiterreichen. Aber als Subjekt habe es seine Lebenszeit weitgehend hinter sich.

Diese als biologistisch gebrandmarkte These hat zwischen den beiden Weltkriegen besonders im katholischen Raum leidenschaftliche Bestreiter gefunden; eindrucksvoll ist ihr Arnold Toynbee entgegengetreten, freilich mit Postulaten, die heute wenig Gehör finden.

Toynbee stellt die Differenz zwischen materiellem-technischem Fortschritt einerseits, wirklichem Fortschritt andererseits heraus, den er als Vergeistigung definiert. Er räumt ein, dass sich das Abendland - die "westliche Welt" - in einer Krise befindet, deren Ursache er im Abfall von der Religion zum Kult der Technik, der Nation und des Militarismus sieht.

Die Krise heißt für ihn letztlich: Säkularismus. Wenn man die Ursache der Krise kennt, kann man auch den Weg der Heilung angeben: Das religiöse Moment muss neu eingeführt werden, wozu für ihn das religiöse Erbe aller Kulturen gehört, besonders aber das, "was vom abendländischen Christentum übriggeblieben ist." Der biologistischen tritt hier eine voluntaristische Sicht entgegen.

Wenn diese These stimmt - liegt es in unserer Macht, das religiöse Moment neu einzuführen, in einer Synthese aus Restchristentum und religiösem Menschheitserbe?

Was vermag die innere Identität Europas in allen geschichtlichen Metamorphosen weiterzuführen?

Oder noch einfacher: Was verspricht auch heute und morgen die Menschenwürde und ein ihr gemäßes Dasein zu schenken?

Um darauf Antwort zu finden, müssen wir kurz zurück blicken. Im 19. Jahrhundert haben sich zwei neue "europäische" Modelle entwickelt.

Da steht bei den lateinischen Nationen das laizistische Modell: Der Staat ist streng geschieden von den religiösen Körperschaften, die in den privaten Bereich verwiesen sind. Er selber lehnt ein religiöses Fundament ab und weiß sich allein auf die Vernunft und ihre Einsichten gegründet.

Angesichts der Fragilität der Vernunft haben sich diese Systeme als brüchig und diktaturanfällig erwiesen; sie überleben eigentlich nur, weil Teile des alten moralischen Bewusstseins weiterbestehen und einen moralischen Basiskonsens ermöglichen.

Auf der anderen Seite stehen im germanischen Raum die staatskirchlichen Modelle des liberalen Protestantismus, in denen eine aufgeklärte, wesentlich als Moral gefasste christliche Religion den moralischen Konsens und eine weit gespannte religiöse Grundlage verbürgt, der sich die einzelnen nicht staatlichen Religionen anzupassen haben.

Dieses Modell hat in Großbritannien, in den skandinavischen Staaten und auch im preußisch dominierten Deutschland staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenhalt über lange Zeit hin verbürgt.

In Deutschland allerdings hat der Zusammenbruch des preußischen Staatskirchentums ein Vakuum geschaffen, das sich dann ebenfalls als Leerraum für eine Diktatur anbot.

Heute sind die Staatskirchen überall von der Auszehrung befallen: Von religiösen Körpern, die Derivate des Staates sind, geht keine moralische Kraft aus, und der Staat selbst kann moralische Kraft nicht schaffen, sondern muss sie voraussetzen und auf ihr aufbauen.

Zwischen den beiden Modellen stehen die Vereinigten Staaten, die einerseits - auf freikirchlicher Grundlage geformt - von einem strikten Trennungsdogma ausgehen, andererseits doch tief von einem nicht konfessionell geprägten protestantisch-christlichen Grundkonsens geprägt wurden, der sich mit einem besonderen Sendungsbewusstsein religiöser Art verband und so dem religiösen Moment ein bedeutendes öffentliches Gewicht gab.

Freilich schreitet auch in den Vereinigten Staaten die Auflösung des christlichen Erbes voran, während gleichzeitig die schnelle Zunahme des spanischen Elements und die Anwesenheit religiöser Traditionen aus aller Welt das Bild verändert.

Zurück nach Europa. Zu den zwei Modellen hat sich noch im 19. Jahrhundert ein drittes gesellt, der Sozialismus, der sich alsbald in zwei Wege aufteilte, den totalitären und den demokratischen.

Demokratischer Sozialismus und katholische Soziallehre

Der demokratische Sozialismus hat sich als ein heilsames Gegengewicht gegenüber den radikal liberalen Positionen in die beiden bestehenden Modelle einzufügen vermocht, sie bereichert und korrigiert.

Er erwies sich dabei auch als die Konfessionen übergreifend: In England war er die Partei der Katholiken, die sich weder im protestantisch-konservativen noch im liberalen Lager zu Hause fühlen konnten.

Auch im wilhelminischen Deutschland konnte sich das katholische Zentrum weithin dem demokratischen Sozialismus näher fühlen als den konservativen Kräften. In vielem stand und steht der demokratische Sozialismus der katholischen Soziallehre nahe, jedenfalls hat er zur sozialen Bewusstseinsbildung erheblich beigetragen.

Das totalitäre Modell hingegen verband sich mit einer streng materialistischen und atheistischen Geschichtsphilosophie: Die Geschichte wird deterministisch als ein Prozess des Fortschritts über die religiöse und die liberale Phase hin zur endgültigen Gesellschaft verstanden, in der Religion als Relikt der Vergangenheit überwunden sein und das Funktionieren der materiellen Bedingungen das Glück aller gewährleisten wird.

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