Deutschland "Warum nur schauen so viele weg?"

Geschichten aus der eigenen Familie

Auch die ältere Schwester hat Necla Kelek nicht um Zustimmung gebeten, als sie beschloss, ein Buch über die Familie zu schreiben, denn die Schwester wurde im Alter von 22 Jahren in die Türkei verheiratet und "bekam mit ihrem Mann im Lehmhaus seiner Eltern ein Zimmer. Das war nun ihr neues Zuhause".

Ihre Eltern weinten der älteren Schwester keine Träne nach. "Im nächsten Jahr wären wir sie auch für doppelt so viel Geld nicht losgeworden", befand die Mutter. Der Vater hatte die Familie verlassen, weil er sich von der aufbegehrenden jüngeren Tochter Necla um seine Ehre gebracht fühlte; er ging in die Türkei zurück und starb dort Jahre später. Necla hatte als Teenager nicht einsehen wollen, dass der Vater wie ein Gott behandelt werden musste, dass ihm die Familie untertan war.

Der jüngere Bruder, immerhin, stimmte der Idee vom Buch zu - auch auf die Gefahr hin, dass seine Schwester die Familienehre beschmutzen könnte; ihm war diese Tradition nicht mehr wichtig. Dieser Bruder ist erfolgreich, Manager bei Siemens, mehr Deutscher mittlerweile als Türke, er war immer auf ihrer Seite, wenn sie gegen den allgewaltigen Vater und die demütige Mutter aufbegehrte.

Also hat die studierte Soziologin Kelek "aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland" erzählt. Von ihrer Mutter, die der Ehemann in der Hochzeitsnacht vergewaltigte, die ihn allmorgendlich verfluchte und die nie aufbegehrte gegen den ungeliebten Gatten, denn "wie kann ich mich gegen einen Mann wehren, den ich nach 33 Jahren noch nicht wage, mit seinem Vornahmen anzusprechen?"

Symbolischer Ehrenmord

Bis er sie verließ und sich später eine 25-jährige neue Braut nahm, nannte die Mutter ihren Mann "Efendi", mein Herr. Necla Kelek erzählt von der großen Schwester, der "Abla", die immer alle bedienen und für alle sorgen musste, die nie ein eigenes Leben hatte.

Vom Vater, der ihr, der zweiten Tochter, erst die Teilnahme am Turnunterricht verbot und später jeden Schulbesuch. Von sich selbst erzählt sie, wie sie aufbegehrte und wieder zur Schule durfte, wie sie schließlich die Autorität des Vaters in Frage stellte: Als er nach Hause kam und alle Kinder, wie es Tradition war, im Flur der kleinen Wohnung in einer niedersächsischen Kleinstadt antreten mussten, da schloss sie sich ein.

Er brach die Tür auf und würgte sie fast zu Tode. Danach verließ er die Familie. "Er hat einen symbolischen Ehrenmord an mir begangen", sagt seine Tochter heute. "Aber immerhin hat er mich nicht getötet, sondern ist gegangen. Damit hat er mir die Freiheit geschenkt." Die Beziehung zum Vater hat sie in einer Therapie aufgearbeitet.

All das sind private Geschichten, wie sie vorkommen können in vielen Familien, aber die Autorin Kelek hat dennoch in den Augen vieler Türken gegen ungeschriebene Gesetze verstoßen: Sie habe, wird ihr ständig vorgeworfen, die Türkei verunglimpft.

Integrationsgeschichte wird in Frage gestellt

Denn ihr Buch geht weiter, verlässt den familiären Kreis, geht hinaus in die türkischen "Kazas", in parallele Welten, wo türkische Frauen keinen Deutschen kennen, wo sie sich ihr Leben zwischen Herd, Nachbarinnen und Moschee abspielt, wo Deutschland ein fremder, unbekannter Stern ist.

Und: Necla Kelek, die selbst eine Verheiratung durch ihre Familie ablehnte, sich einen deutschen Mann suchte und "zum ersten Mal richtig lebte", erzählt, wie diese jungen, bisweilen minderjährigen Frauen, als seien sie Vieh auf einem Sklavenmarkt, in ihrer kleinen Welt eingesperrt, oft auch misshandelt werden.

Türken und Deutsche, sagt Kelek und stellt sich für diesen Satz in den Türstock zwischen Wohn- und Arbeitszimmer, als müsse sie sich ins Niemandsland zwischen ihren zwei Welten retten, Türken und Deutsche hätten dasselbe Problem: Sie wollten so etwas nicht hören, weil es 50 Jahre Integrationsgeschichte in Frage stelle.

Kritik an der Herangehensweise

"Die fremde Braut" kratzt also zum einen am Selbstverständnis einer aufgeklärten, liberalen politischen Elite, und das beste Beispiel dafür ist eine interne Gesprächsrunde der Berliner Friedrich-Ebert-Stiftung, die zum interkulturellen Dialog einlud.

Hier sitzt Necla Kelek, adrett in ihre Riemenschuhe und einen schwingenden Rock gekleidet, vor einer kritischen Runde. Höflich ist man und hört einander zu, und nur bei Necla Kelek selbst zeigt sich die Erregung wieder in den Sätzen, die kein richtiges Ende finden, in der Zahl ihrer Grammatikfehler, die beim Reden steigt.

Denn wichtige Leute sind da: von Ministerien, von der Bundeszentrale für politische Bildung, von der Bundesbeauftragten für Migration, von muslimischen wie türkischen Verbänden. Und wie meist, wenn die Bestsellerautorin vorträgt, entsteht eine Ja-Aber-Diskussion: Zwei Zuhörer loben sie ausdrücklich für diese "wichtige Arbeit", denn "wir Christen haben uns ein Selbstbestimmungsrecht mit der Aufklärung erkämpft, wir müssen das auch vom Islam fordern".

Aber dann mault ein Theologe: "Ihre wissenschaftliche Herangehensweise passt mir nicht", eine Vertreterin des Auswärtigen Amtes möchte die ganze Sache gern als Erziehungsproblem türkischer Eltern betrachtet sehen, gegen das man mit Gesetzen nichts machen könne. Eine Vertreterin der jüdischen Gemeinde warnt vor "Zwangsintegration", eine Mitarbeiterin der SPD-Bundestagsfraktion will auch an die armen Import-Bräutigame erinnern, die wohlhabende Türken ihren Töchtern kauften.

Wut auf türkische Mütter

So richtig läuft Necla Kelek allerdings erst rot an, als ein Berliner Vertreter der Islamischen Föderation loslegt: Diese Ehen seien doch oft "gut kalkuliert", die Eltern, die da eine Ehe arrangierten, dächten doch auch nur an das Wohl ihrer Kinder. "Hier gibt es zu viele Freiheiten, da wollen die Eltern eine Braut, die nicht mit Problemen kommt."

Diese Ehen seien arrangiert, ja, durchaus, aber "Zwangsheiraten gibt es hier nicht". Necla Kelek schaut sich entsetzt um. Ihr Lebensgefährte, der Lektor Peter Matthews, der sie meist begleitet und auch an diesem Abend kopfschüttelnd der Diskussion zuhört, hält den Atem an. Aber keiner widerspricht.

Gegenwehr kommt auch aus der türkischen Community, denn die ganze Debatte kratzt am Selbstverständnis aufgeklärter Muslime, die finden, da rede eine, die gar nicht mehr so richtig zu ihnen gehört, die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte kaputt.