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CIA-Gefangener Abu Subaida:Kaputt gefoltert

European delegation sets out for Guantanamo Bay prison

Ein nicht zu identifizierender Insasse in Camp 6 im Gefangenenlager Guantanamo Bay. Hier lebt Subaida heute noch, er ist inzwischen 43 Jahre alt. (Archivbild vom April 2014)

(Foto: AFP)
  • Abu Subaida war der erste Geheimgefangene der USA.
  • Warum die CIA entschied, den Terrorhelfer zu foltern.
  • Der Bericht zur CIA-Folter beschreibt die brutalen Verhörmethoden der Agenten.
  • Selbst einigen CIA-Mitarbeitern standen beim Anblick der Tortur die Tränen in den Augen.

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Der folgende Text dokumentiert das Schicksal von Abu Subaida. Die Informationen stammen aus öffentlich zugänglichen Quellen und dem nun veröffentlichten Bericht zur CIA-Folter, der allerdings nur eine gekürzte Version des Originals ist.

Ende März 2002 stürmen amerikanische Spezialeinheiten das Wohnhaus von Abu Subaida in Pakistan. Der saudi-arabische Staatsbürger ist einer der Verwalter des Terror-Ausbildungscamps Khalden in Afghanistan, das als Al-Qaida-Schmiede gilt. Bei der Gefangennahme erleidet Subaida mehrere Schusswunden.

Die Amerikaner halten Subaida für die Nummer drei oder vier von al-Qaida, eine Einschätzung, die sich später als völlig falsch herausstellen wird. Die CIA ist auf die Festnahme des mutmaßlichen Terror-Prominenten schlecht vorbereitet. Um ihn nicht als Kriegsgefangenen dem Internationalen Roten Kreuz melden zu müssen, will der Geheimdienst den Schwerverletzten nicht auf einer US-Militärbasis unterbringen. Doch wo? Schnell muss eine Alternative gefunden werden.

Nur wenige Tage später, am 29. März, stimmt US-Präsident George W. Bush dem Plan zu, ihn in ein Geheimgefängnis in Thailand zu verlegen. In diesem Moment ist Subaidas Schicksal besiegelt: Um ihn nicht an andere Länder aufliefern zu müssen, soll der Mann nach Meinung von CIA-Agenten "für den Rest seines Lebens isoliert werden". Er wird der erste Geheimgefangene der USA im Krieg gegen den Terror.

Kleiner Fisch statt großer Hai

In Thailand angekommen verschlechtert sich der Zustand Subaidas, er wird in ein Krankenhaus gebracht. Dort verhören ihn auf der Intensivstation zunächst erfahrene und Arabisch sprechende FBI-Agenten, er zeigt sich kooperationsbereit. Mit Schläuchen in der Nase und kaum redefähig identifiziert er Chalid Scheich Mohammed als Drahtzieher der Anschläge des 11. September. Im Laufe der folgenden Tage gibt er weitere Informationen über die Terror-Szene der Region, Al-Qaida-Mitglieder und die lose Idee zweier Männer, eine "schmutzige" Atombombe zu bauen.

Zu diesem Zeitpunkt hat Subaida wahrscheinlich bereits einen Großteil seines Wissens preisgegeben - er ist nicht der Insider, für den ihn die Geheimdienste halten. Aus dem Terrorcamp Khalden gibt es zwar Verbindungslinien zu al-Qaida, doch Subaida agiert eher als Geschäftsführer, hat einen Großteil seiner Informationen vom Hörensagen. Verbindungen zu wichtigen Terroristen pflegt er nicht. Fehlinformationen aus der Zeit vor dem 11. September überzeugen die CIA jedoch davon, es mit einem dicken Fisch zu tun zu haben, der womöglich Informationen über weitere Anschläge auf die USA verheimlicht.

Wahrscheinlich, heißt es im Hauptquartier in Langley, seien herkömmliche Verhörmethoden deshalb nicht ausreichend. Die Suche nach rechtlichen Grundlagen für eine härtere Gangart beginnt.

47 Tage Isolationshaft

Mitte April verwehrt die CIA dem FBI weiteren Kontakt, Subaida ist nun ihr Gefangener. Noch während die Schussverletzungen ausheilen, erhalten die CIA-Mitarbeiter eine klare Ansage: Das Verhör habe "Vorrang" vor medizinischen Fragen. 24-stündige Befragungen inklusive Schlafentzug beginnen, in der Folge verschlechtert sich Subaidas Zustand, er muss auf die Intensivstation. Nach seiner Rückkehr Mitte Juni schicken ihn die Agenten für 47 Tage in Isolationshaft - offenbar auch, weil die CIA darauf wartet, grünes Licht für brutalere Verhörmethoden zu bekommen.

Am 1. August kommt das Büro für Rechtsberatung des US-Justizministeriums zu dem Schluss, dass "die gegenwärtigen Umstände" Maßnahmen zur "Selbstverteidigung" erlaubten, die gegen das Folterverbot verstoßen.

Am gleichen Tag genehmigt das Büro zehn Methoden, die später unter "erweiterte Verhörtechniken" und bei Menschen mit gesundem Menschenverstand als "Foltermethoden" bekannt werden. Die Juristen verlassen sich dabei auf die Informationen des CIA, Subaida sei "unkooperativ" und verheimliche wichtige Informationen. Zudem stellt der Geheimdienst die vorgeschlagenen Methoden harmloser dar, als sie eigentlich sind.

Waterboarding bis an den Rand des Todes

Nach der Genehmigung kennt die CIA keine Gnade: Bereits am 4. August wenden Agenten zum ersten Mal Waterboarding an, Subaida windet sich in Krämpfen. Es ist nur der Anfang: In den kommenden Wochen wird er mehrmals täglich stundenlang gefoltert, "weint", "fleht" und "wimmert", schwört, keine weiteren Informationen zu haben. Die Agenten schlagen ihn, werfen ihn gegen die Wand oder demütigen Subaida, der stets nackt verhört wird. In der Zeit zwischen den Verhören muss er in eine Kiste in der Größe eines Sarges steigen, wo er insgesamt elf der nächsten 20 Tage verbringen wird.

Obwohl die Agenten schnell überzeugt sind, dass Subaida keine weiteren Informationen hat, simulieren sie 83 Mal sein Ertrinken - ein Gewaltexzess, der den Mann mehrmals fast das Leben kostet. Er sei "völlig apathisch, Blasen kamen aus seinem geöffneten vollen Mund", heißt es einmal in einem CIA-Protokoll. Am Ende muss der verhörende Agent nur mit dem Finger schnippen oder die Augenbraue hochziehen, damit sich Subaida von sich aus zur Folter-Vorrichtung begibt. Selbst einige CIA-Mitarbeiter der Geheimstation sind von den Methoden so schockiert, dass sie "beinahe in Tränen ausbrechen", heißt es.

Die Agenten, die Subaida foltern, sind zum Teil nicht für Verhöre ausgebildet, ein entsprechendes Training führt die CIA erst Monate später ein. Klare Richtlinien fehlen bis Anfang 2003. Zwei Militärpsychologen ohne Kenntnisse über Befragungstechniken, die arabische Sprache oder al-Qaida, evaluieren die Methoden und führen dabei selbst Folter-Verhöre mit Subaida und anderen Gefangenen durch. Später machen sie sich als Subunternehmer der CIA selbständig.

Die CIA? Spricht von "ergiebigen" Verhören

Der Umgang mit Subaida wird zur Vorlage für die Verhöre anderer Gefangener. Während sich die Agenten vor Ort einig sind, dass der Mann nichts mehr weiß, beschreibt die CIA der Regierung die Befragungen als äußerst ergiebig. US-Präsident George W. Bush übernimmt diese Lesart, als Jahre später die brutalen Methoden öffentlich werden und er unter Druck gerät.

Im Oktober 2002 verschlechtert sich die Sehkraft auf Subaidas linkem Auge, womöglich aufgrund der Gewalteinwirkung. Später erblindet er dort. Anfang 2003 wird Subaida in ein Geheimgefängnis auf polnischem Boden gebracht, über mehrere Stationen landet er schließlich im September des Jahres im Gefangenenlager Guantanamo Bay.

Seit mehr als elf Jahren in Guantánamo

Dort lebt Subaida heute noch, er ist inzwischen 43 Jahre alt. Eine Anklage gegen ihn existiert nicht. Journalisten, FBI-Mitarbeiter und sein Anwalt beschreiben Subaidas Zustand als inzwischen geistig umnachtet, vermutlich durch einen irreparablen Hirnschaden hervorgerufen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte im Juni die polnische Regierung, ihm 100.000 Euro Entschädigung für den Aufenthalt im CIA-Gefängnis auf ihrem Territorium zu zahlen.

Anfang 2005 zerstörte die CIA die Videoaufnahmen der Folter-Verhöre. Dies führte nach Bekanntwerden 2007 über Umwege zur Senatsuntersuchung, die in dem nun veröffentlichten Bericht mündete. Dass die folternden CIA-Agenten juristische Konsequenzen fürchten müssen, gilt als ausgeschlossen.

© Süddeutsche.de/segi
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