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Bundeswehr:Übergriffe auch in Bayern und Niedersachsen

Bei der Bundeswehr gibt es immer mehr Berichte über Misshandlungen von Rekruten. Das Verteidigungsministerium bestätigte einen dritten Fall in Bayern und einen weiteren Verdachtsfall in Niedersachsen.

In allen Fällen handele es sich um nachgestellte Geiselnahmen, sagte Ministeriumssprecher Norbert Bicher in Berlin. Ähnliche Berichte gab es bereits aus den westfälischen Standorten Coesfeld und Ahlen.

Rekruten der Bundeswehr bei einer Übung.

(Foto: Foto: ddp)

In niedersächsichen Nienburg sollen Soldaten während einer Übung zwischen zwei feindlichen Gruppen räumlich getrennt und an den Händen gefesselt worden sein, sagte ein Sprecher der Streitkräftebasis in Köln. Die Rekruten hätten sich anschließend bei ihren Vorgesetzten beschwert.

Der Fall sei dem Verteidigungsministerium direkt aus dem Bataillon gemeldet worden. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Verden bestätigte, dass eine Anzeige der Bundeswehr eingegangen sei. Darin geht es um Freiheitsberaubung und Nötigung.

Im bayerischen Kempten sollen Rekruten nach einem Nachtmarsch mit verbundenen Augen in einen feuchten, kalten Keller gesperrt worden sein. Das berichtete die Bild-Zeitung unter Berufung auf den Wehrbeauftragten Penner. In dem Fall seien bereits 84 Vernehmungen erfolgt, ohne dass man zu einer abschließenden Beurteilung gekommen sei.

Ein Sprecher von Verteidigungsminister Struck sagte, die Wehrdienstleistenden sollten sich bei Problemen an den Wehrbeauftragten des Bundestages Willfried Penner wenden. Struck habe mehrmals deutlich gemacht, ihn befremde es, dass die Rekruten so lange geschwiegen hätten.

Struck wolle in der Bundeswehr "ein solches Klima des Schweigens" nicht dulden. Er warnte jedoch vor Verallgemeinerungen. Jährlich würden 130.000 Rekruten ausgebildet. In der übergroßen Anzahl käme es zu keinen Beschwerden.

Struck hatte am Wochenende bedauert, dass die Soldaten nicht viel eher Alarm geschlagen haben. Der wohl bislang größte Fall von Coesfeld war Medienberichten zufolge erst bei einem beiläufigen Gespräch mit einem Soldaten bekannt geworden.

Die Staatsanwaltschaft Münster ermittelt hier gegen 21 Vorgesetzte einer Ausbildungskompanie. Der Fall aus der Kaserne Ahlen war offenbar durch die nachträgliche Beschwerde eines Reservisten beim Wehrbeauftragten bekannt geworden. Der Soldat hatte von einer simulierten "Geiselnahme durch albanische Freischärler" im Frühjahr 2002 berichtet.

© dpa/AP
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