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Bundeswehr:Extremsituationen

Was es heißen könnte, töten zu müssen und getötet zu werden, darauf gibt unsere Gesellschaft den Bundeswehr-Soldaten keine Antwort. Es gibt in Deutschland kein Ethos des Krieges. Daher stellt sich die Frage: Sind unsere Soldaten fähig für den Ernstfall?

Von Jürgen Busche

"Leutnantdienst tun heißt: seinen Leuten vorsterben", so steht es in einem der meistgelesenen Bücher aus dem Ersten Weltkrieg, und: "Wer ein ganzer Kerl ist, braucht nur ein wenig Handwerk zuzulernen." Das schrieb vor bald 90 Jahren Walter Flex in seiner Erzählung "Der Wanderer zwischen beiden Welten". Das Büchlein wurde rasch ein gigantischer Bestseller. Doch die Szene, in der Flex diesen Satz vortragen lässt, geht weiter, und dann wird gesagt: "Leutnantdienst tun heißt seinen Leuten vorleben, das Vor-sterben ist dann wohl einmal ein Teil davon."

Was die Kriegsteilnehmer des Jahres 1914 hier ansprechen, ist nichts geringeres als die Notwendigkeit, Soldaten zu erziehen. Nicht ausgespart wird dabei das Bewusstmachen des Risikos, das der Soldat eingeht. Aber als das Wichtigste bei der Erziehung wird herausgestellt, was die auf ihr Leben hin orientierten jungen Leute zu bedenken haben, und da reicht es nicht, ein ganzer Kerl zu sein.

Was jetzt aus Bundeswehr-Kasernen in Coesfeld und anderswo bekannt geworden ist, zeugt von einem Mangel an Erziehung der Soldaten. Die Verletzung der Aufsichtspflicht durch die Vorgesetzten ist nur der kleinere Teil des Übels, ernst zu nehmen gewiss, aber das Dilemma der Bundeswehr-Soldaten liegt nicht dort. Es ist aber dringend notwendig, dieses Dilemma zur Sprache zu bringen und Fragen, die sich dann ergeben, zur Diskussion zu stellen.

In der Bundeswehr ist es genau umgekehrt wie in der von Flex beschriebenen Szene: Der Dienst ist das Leben des Soldaten, vom Sterben soll keine Rede sein. Der Offizier beschreitet seine Laufbahn wie ein landesüblicher Beamter. Niemand bereitet ihn hinreichend darauf vor, dass die Führung eines Bataillons im Kosovo etwas anderes ist als die Leitung des Postamts in Hamburg-Rahlstedt.

Gewiss spüren die Soldaten, dass ihnen bei den Auslandseinsätzen auf dem Balkan oder in Afghanistan etwas anderes bevorstehen könnte als bei einem Manöver in der Lüneburger Heide. Aber was es heißen könnte, töten zu müssen und getötet zu werden, darauf gibt ihnen die Gesellschaft, in der sie ihr Leben ernst nehmen, keine Antwort. Es gibt in Deutschland kein Ethos des Krieges.

Das ist einmal als großer Fortschritt angesehen worden. Aber das ist heute ebenso Geschichte wie der Sozialstaat alter Art. Seit die rot-grüne Bundesregierung deutsche Soldaten am Krieg gegen Jugoslawien hat teilnehmen lassen, ist die Bundesrepublik ein Staat, bei dem damit zu rechnen ist, dass er seine Streitkräfte im Ausland einsetzt und sie nicht nur in Bereitschaft hält.

Er muss sie nicht bei jeder Gelegenheit einsetzen -- im Irak-Krieg sind sie mit akzeptablen Gründen in den Kasernen geblieben. Aber das heißt nicht, dass dies beim nächsten Mal wieder so geschieht. Der Regierung Schröder/Fischer kann und muss man zutrauen, dass sie Soldaten in den Krieg schickt.

Ohne Vorbild

Für die Soldaten der Bundeswehr bedeutet dies, dass sie unter Umständen eine Entscheidung der Bundesregierung für den Krieg mit ihrem Leben bezahlen müssen. Der Gedanke ist für sie noch immer gewöhnungsbedürftig. Jahrzehntelang hieß es unter der Drohung einer Eskalation zum Atom-Krieg: Die Bereitschaft zu kämpfen enthebt uns der Notwendigkeit zu kämpfen. Das war relativ beruhigend, aber damit ist es vorbei. Die Soldaten der Bundeswehr wissen das.

Doch wie geht man mit diesem Wissen um? Die Pflichten des Soldaten, seine Risikobereitschaft, seine Fähigkeit zu töten ebenso wie seine Fähigkeit, in Todesgefahr besonnen zu handeln, sind in europäischen Tradition verflochten in unzähligen Geschichten, in denen militärische Leistungen gewürdigt werden. In Deutschland sind solche Geschichten und ihre Protagonisten tabu.

In den sechziger Jahren gerieten hohe Bundeswehroffiziere in schwerste Kritik, als sie mahnten, bei der Ausbildung der Soldaten zu beachten, dass der Soldatenberuf seine unvergleichlichen Besonderheiten habe: eben die Bereitschaft zu sterben, bei einem Auftrag vielen anderen den Tod zu bringen, auch: eigene Truppen in den Tod zu schicken. Diejenigen, die sich damals am lautesten gegen solche Zumutungen äußerten, befehlen heute der Bundeswehr, die Heimat am Hindukusch zu verteidigen.

Der Einwand war damals -- und ist auch heute noch -- respektabel, dass man Krieg und Kriegsdienst nicht mit humanisierenden Absichten verharmlosen dürfe. Das sei durch die Erfahrung der Weltkriege nicht nur unmöglich geworden, es sei nach allem, was war, geradezu obszön. Jeder Krieg ist schmutzig, das stimmt. Aber sollte man ihn deshalb den schmutzigsten Kerlen überlassen?

Könnte es nicht sein, dass etliche Unteroffiziere und Mannschaftsdienstgrade das Bedürfnis hatten, sich den Krieg, der sie in fernen Ländern erwartet, realitätsnah vorzustellen, und dass sie deshalb auf ihre makabren Übungen verfielen?

Die Soldaten verspüren eine gewisse Angst, auch wenn sie diese oft macho-haft überspielen. Von dieser Angst können sie als Individuen reden und bekommen dann auch manchen Zuspruch. Aber wie sie als Soldaten mit der Angst umgehen können, dafür gibt es keine Vorbilder in Deutschland.

Frühere Vorbilder, so heißt es nicht zu Unrecht, haben zu viel Unheil angerichtet. Aber auf die Soldaten der Bundeswehr kommen Extremsituationen zu: Können Menschen, zumal solche, deren Berufsziel nicht in der perfekten Ausbildung ihrer intellektuellen Fähigkeiten besteht, ohne Vorbilder auskommen, ohne die Sicherheit, bei ihrem Tun in einer geachteten Tradition aufgehoben zu sein? Und sind solche Vorbilder für das Leben im Soldatenberuf, gerade im gefährlichen Einsatz, nicht noch wichtiger als für den Augenblick des Sterbens?

Eine öffentliche politische und historisch-kritische Diskussion über deutsches Militär, bei der die Deutschen vor allem als Trottel oder Schurken erscheinen, behindert auch die Ausbildung in Streitkräften, die mit dem Ernstfall ihres Einsatzes rechnen müssen.

Die Art und Weise, in der die Coesfelder Soldaten ihre Ängste in den Bereich ihrer Übungen zu integrieren versuchten, weil sie psychisch die Gleichzeitigkeit von Erwarten und Verdrängen dessen, worüber offiziell nicht gesprochen wurde, nicht mehr aushielten, zeigt Folgen des Mangels soldatischer Erziehung.

Erziehung in der Bundeswehr bedeutete Jahrzehnte lang, die Uniformträger vom Militarismus wegzuerziehen. Das scheint gelungen. Doch zur militärischen Erziehung und Disziplin gehört auch, sich den ernstesten Anforderungen aus freiem Willen zu unterwerfen und dabei keinen Augenblick die eigene Menschenwürde und die Würde des anderen zu vergessen.

Wie das möglich ist, wie schwierig das aber auch ist, darüber kann die Soldaten eine sorgfältig gepflegte militärische Tradition belehren. Wer die missachtet, erschwert die Erziehung des Soldaten für den Ernstfall.

Wenn sich die Gebildeten einer Nation, die Politiker, die Historiker, die Publizisten von der Erörterung solcher Fragen fern halten, überlassen sie die Soldaten sich selbst. Da kann dann die Erziehung der Soldaten gründlich danebengehen. Mit Entlassungen ist es in der Folge nicht getan.

Wenn man das Militär braucht und es einsetzen will, muss man die Erziehung der Soldaten auch an europäischen Standards orientieren. Das ist notwendig nicht nur, um Deutschland Peinlichkeiten wie die von Coesfeld zu ersparen.

Das ist auch notwendig, um eine leistungsstarke Truppe zum Einsatz zu bringen. Will man das nicht, ist es besser, die Bundeswehr aufzulösen; wo solche Erziehung versäumt wird, taugt auch eine Berufsarmee nichts.

© Quelle: SZ vom 3.12.2004
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