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Bündnis 90/Die Grünen:Postenjäger im grünen Gewand

Wer wird was in der Zeit danach - im Schatten Joschka Fischers ist das Gerangel um die wenigen verbleibenden Ämter in vollem Gang.

Wer sich in diesen Tagen in die Welt der Grünen begibt, hat schnell das Gefühl, in einem Hort voller Horror-Visionen gelandet zu sein. Kein Telefonat, keine Begegnung, kein Hintergrundgespräch, in dem einem nicht blutrünstige Vokabeln entgegenschlagen.

"Am 18. September beginnt ein Schlachtfest", orakeln die einen. "Das Gemetzel wird brutal", prophezeien die anderen, "viele werden das nicht überleben". Und selbst eine als besonders friedfertig bekannte Ober-Grüne gruselt es schon lustvoll vor dem "gnadenlosen Hauen und Stechen, das uns bevorsteht".

Der 18. September, das ist der Tag der Bundestagswahl. Der Tag, an dem wahrscheinlich endgültig feststeht, dass die Grünen all die schönen Minister- und Staatssekretärs-Ämter abgeben müssen - und nur die beiden Fraktionsvorsitze als Verfügungsmasse bleiben.

Zehn Regierungsmitglieder stellen die Grünen, die meisten von ihnen haben keine Lust aufs Altenteil. Und von unten drängen bereits die Neuen, die nach einer Niederlage der Alten ihre Chance kommen sehen.

Schlechte Aussichten für die Chefinnen

Keine guten Aussichten für die Fraktionschefinnen Krista Sager und Katrin Göring-Eckardt. Die beiden wollen trotzdem um ihre Ämter kämpfen, bieten diese doch die beste Ausgangslage für die Ära nach Joschka Fischer.

Es ist der letzte Wahlkampf des Außenministers, aller Voraussicht nach wird die Partei schon im Herbst ohne den Übervater auskommen müssen. Diadochen-Zeit bei den Grünen. Die nächsten Monate entscheiden über die Karrieren des kommenden Jahrzehnts.

Es geht um nichts weniger als die Frage, wie das grüne Leben nach Fischer aussehen wird. Noch hat sich der Nebel über dem grünen Schlachtfeld nicht gelegt, noch weiß keiner, wie es genau weitergeht.

Doch zwei Namen blitzen schon jetzt auffällig oft auf: Renate Künast und Fritz Kuhn, umtriebige Verbraucherministerin die eine, Wahlkampfchef und Fischer-Freund der andere.

Die ersten Polit-Zocker setzen bereits darauf, dass die beiden im September Fraktionschefs werden. Der Einsatz ist noch mutig, bisher hat niemand seine Kandidatur erklärt. Es ist ja noch nicht einmal sicher, wie und ob es zu Neuwahlen kommt.

Sager und Göring-Eckardt zittern trotzdem schon um ihre Ämter. Dabei machen die Fraktionsvorsitzenden ihren Job so gut, wie kaum ein Grünen-Doppel zuvor.

Fraktionschef-Toto

Obwohl die beiden Frauen unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite die kinderlose Heiratsverweigerin Krista Sager mit ihrer klassisch westgrünen K-Gruppen-Sozialisation und den dazugehörigen biografischen Brüchen.

Auf der anderen Seite die mit einem Pfarrer verheiratete Ost-Theologin Katrin Göring-Eckardt, stolze Mutter zweier Söhne und seit frühester Jugend Anti-Kommunistin. Eigentlich keine guten Voraussetzungen für eine funktionierende Liaison. Die beiden führen die Fraktion trotzdem seit drei Jahren ohne nennenswerten Nickeligkeiten.

In jeder anderen Lage dürften sich zwei derartige Fraktionschefinnen ihrer Wiederwahl sicher sein. Die Sozialdemokraten müssen mangels attraktiver Kandidaten sogar Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel aus der Provinz importierten.

Anders bei den Grünen.

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