Benedikt XVI. Der Sündenfall des Papstes

Benedikt XVI. lässt einen Holocaust-Leugner wieder Bischof werden - ein beschämendes Signal. Der Papst sabotiert den christlich-jüdischen Dialog.

Ein Kommentar von Stefan Ulrich

Vor genau 50 Jahren ging ein Ruck durch die katholische Kirche: Johannes XXIII. kündigte ein Konzil an. Es sollte als Zweites Vatikanisches Konzil Geschichte machen.

Papst Benedikt XVI. bestätigt diejenigen, die sein Pontifikat hart kritisieren.

(Foto: Foto: dpa)

Papst und Kirche öffneten ihre Tore zur modernen Welt. Sie bekannten sich zur Religionsfreiheit und zum Gespräch mit anderen Glaubensgemeinschaften und Religionen. Die Priester wandten sich bei der Messe dem Volk zu und redeten, statt auf Lateinisch, in dessen Sprachen. Sehr viele Katholiken fühlen sich heute in ihrer Kirche heimisch, weil diese vom offenen Geist und weiten Herzen des Konzils geprägt ist.

Nun fährt wieder ein Ruck durch die Kirche, doch es ist ein Ruck zurück. Benedikt XVI., einst reformfreudiger Konzils-Theologe, geht weit auf die Anhänger des verstorbenen Kirchenspalters Marcel Lefebvre zu. Er tut dies, obwohl die Lefebvristen den Geist des Konzils verneinen und die Kirchengeschichte um hundert Jahre zurückspulen wollen.

Benedikt hebt dennoch die Ex-Kommunikation von vier erztraditionalistischen Bischöfen auf und sichert ihnen "väterliche Barmherzigkeit" zu. Einer der heimkehrenden Hirten verharmlost seit Jahren den Holocaust und leugnet die Gaskammern, zuletzt bei einem Besuch in Bayern vor wenigen Wochen. Gegen ihn ermittelt inzwischen die Justiz. Aber das schert den Heiligen Stuhl nicht.

Die Aussöhnung des Papstes mit einem widerwärtigen Antisemiten ist bestürzend. Benedikt beruft sich darauf, die Tiraden des Bischofs hätten nichts mit dessen Kirchenausschluss vor mehr als 20 Jahren zu tun. Dabei verkennt der Papst, dass das Oberhaupt von mehr als einer Milliarde Katholiken nicht im luftleeren Raum der Dogmen und des Kirchenrechts operiert. Mit der Rehabilitierung des Bischofs sabotiert Benedikt XVI. vielmehr den christlich-jüdischen Dialog und bestätigt diejenigen, die sein Pontifikat zum Teil hart kritisieren.

Doch auch ohne den Holocaust-Leugner wäre die Versöhnung mit den Lefebvristen ein falscher Schritt. Gewiss muss dem Papst an der Einheit der Kirche gelegen sein. Doch was Benedikt XVI. am rechten Rand zurückgewinnt, könnte er in der Mitte verlieren. Viele Katholiken sehen es als Aufgabe ihrer Kirche, sich mit Andersgläubigen für eine menschenwürdige Welt einzusetzen. Sie wünschen, dass ihr Pontifex Brücken baut, etwa zu den reformierten Kirchen und zum Judentum. Doch hierbei lässt Benedikt oft den Großmut vermissen, mit dem er nun Reaktionäre umarmt.

Die Päpste seit Johannes XXIII. haben viel getan, ihrer Kirche Härte und Hochmut auszutreiben und sie mit der Moderne zu versöhnen. Johannes Paul II., einem konservativen Mann, war besonders an der Versöhnung mit dem Judentum und am Gespräch der Religionen gelegen. Seine Friedensgebete in Assisi belegen dies ebenso wie sein Auftritt an der Klagemauer in Jerusalem. Nun wirkt es, als wollte Benedikt XVI. diesen Kurs korrigieren. Sein Zugehen auf die Erztraditionalisten ist ein Sündenfall.