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Julius Wilm, 35, unterrichtet britische und amerikanische Geschichte an der Universität Kopenhagen.

(Foto: oh)

Trump bemüht gern historische Vergleiche und Begriffe aus der Vergangenheit. Seine Bilder sind nicht nur grob, sondern meistens falsch. Doch die Unbildung und Arroganz, die daraus spricht, schadet dem Präsidenten nicht, jedenfalls nicht bei seinen Anhängern.

Donald Trump liebt historische Bezüge. Zur Begründung von Strafzöllen auf Aluminium und Stahl verwies der US-Präsident jüngst Japans Premier Shinzō Abe auf den Überfall von Pearl Harbor 1941. Den kanadischen Premier Justin Trudeau erinnerte Trump an die britisch-kanadischen Truppen, die das Weiße Haus im Britisch-Amerikanischen Krieg von 1812 niederbrannten. Verbündete hin oder her - wegen ihrer eigenen Vergangenheit dürfe Kanada und Japan die protektionistische Handelspolitik Amerikas eigentlich nicht überraschen.

Nun nutzen Politiker aller Couleur gerne historische Bezüge und verwenden Begriffe aus der Vergangenheit, um ihre Standpunkte in ein positives Licht zu rücken. Ob es gelingt, eine Maßnahme in eine ehrenwerte Kontinuität zu stellen oder als Lehre der Geschichte zu verkaufen, hängt sowohl von der Glaubwürdigkeit des gewählten Bezuges als auch von der politischen Perspektive des Publikums ab. Von Historikern werden die im politischen Tagesgeschäft bemühten Bilder oft als holzschnittartig kritisiert. Die Art und Weise, wie Trump historische Kontinuitäten und Begriffe verwendet, stellt aber etwas ganz Neues dar. Auch wenn in den Reden von Politikern einige vermeintliche Fakten nicht stimmen und mancher Vergleich nicht gut gewählt sein mag, so ist doch die historische Analogie in der Regel angemessen gewählt. Nicht so bei Trump.

Mit dem Slogan "America First" hat Trump schon im Wahlkampf an eine isolationistische und in Teilen antisemitische Organisation von 1940 angeschlossen, die versuchte, den Kriegseintritt der USA zu verhindern. In Massenversammlungen für das "America First Committee" warnte der Flieger Charles Lindbergh vor dem angeblichen Einfluss amerikanischer Juden, die Amerika in den Krieg stürzen wollten. Aus diesem Grund versuchte die Anti-Defamation League, Trump zur Aufgabe des Slogans zu bewegen - ohne Erfolg.

In Anlehnung an Richard Nixon bemüht Trump außerdem gerne eine "schweigende Mehrheit", welche hinter seiner Politik stehe. Im November 1969 wollte Nixon mit dem Verweis auf eine angebliche stille und anständige Mehrheit den lautstarken Widerspruch der Neuen Linken gegen den Vietnamkrieg in die Schranken weisen. Zu Trump will diese Pose dagegen nicht so recht passen: Er und seine Anhänger sind nicht für zurückhaltendes Auftreten bekannt - und die numerische Mehrheit der Wähler hat Hillary Clinton gewählt. Was Trump damit bezweckt, ausgerechnet an Nixon anzuknüpfen - den einzigen Präsidenten, der wegen Behinderung der Justiz sein Amt aufgeben musste -, ist nicht bekannt.

Vor einigen Wochen stellte Trump Pläne für eine neue Waffengattung vor. Die sogenannte Space Force solle künftig die militärische Dominanz der USA auch im Weltraum sichern. Zu den bestehenden Waffengattungen stehe die Space Force im Verhältnis "separate but equal" ("getrennt, aber gleich"). Die von Trump gewählte Formulierung bezeichnet den Grundsatz, mit dem der Oberste Gerichtshof 1896 im Verfahren Plessy gegen Ferguson die Rassentrennung für verfassungskonform erklärte. Unter "separate but equal" galt die Diskriminierung von Afroamerikanern und anderen Minderheiten bis in die 1960er-Jahre als legal. Es ist sicher nicht davon auszugehen, dass Trump diesen Bezug bemühen wollte. Eher beweist der Fauxpas einmal mehr eine nahezu unglaubliche Beliebigkeit in der Verwendung von historisch aufgeladenen Begrifflichkeiten. Diese scheint übrigens in der Familie zu liegen: Ivanka Trump, die Tochter des Präsidenten, verkündete im vergangenen Jahr in einem Selbstoptimierungsratgeber, als Karrierefrau müsse man sich durch ein geschicktes Zeitmanagement der "Sklaverei" des Terminkalenders entziehen. Diesen Tipp illustriert die Autorin mit dem Abdruck eines Zitats von Toni Morrison - über die psychischen Folgen der wirklichen Sklaverei.

Man kann sich empören über die geballte Unbildung und atemberaubende Arroganz, mit der historische Sinnzusammenhänge wahllos und ohne jede Kenntnis vermischt werden. Trump schadet das nicht, jedenfalls nicht in den Kreisen, auf die es ihm ankommt. Zuspruch findet seine krude beworbene Politik ja nicht aufgrund der historischen Labels, sondern wegen ihres Inhalts: Amerika müsse sich in Handelsfragen gegen das Ausland durchsetzen und so den Niedergang seiner klassischen Industrien umkehren. Steuern sollten gesenkt und Sozialprogramme, von denen angeblich vor allem Minderheiten profitieren, zusammengestrichen werden. Innen- und außenpolitisch würden weiße Amerikaner zu wenig berücksichtigt. Illegale Einwanderer sollten ausgewiesen werden und ethnische Minderheiten endlich Ruhe geben und sich nicht länger über schlechte Behandlung und verbreitete Polizeigewalt beklagen. Aufklärerisch gemeinte Einsprüche gegen die schiefen bis falschen Bilder von Trump dürften die Anhänger von "America first" eher bestärken. Schließlich richtet sich ihr Aufbruch gerade auch gegen eine angebliche Bevormundung durch liberale Bildungseliten.

Ob Handelsminister Wilbur Ross demnächst Sanktionen gegen China unter der Überschrift eines "Chinese Exclusion Act" vorschlägt? (So hieß ein berühmt-berüchtigtes Gesetz von 1882, das Chinesen bis in die 1940er-Jahre pauschal die Einreise in die USA verboten hat.) Ob Trumps Umfeld im keineswegs unwahrscheinlichen Falle eines Militäreinsatzes einfällt, ihn als Wiedergänger des Südstaatengenerals Robert E. Lee zu feiern? Man mag beides nicht ausschließen. Trump ist ohne Zweifel noch vieles zuzutrauen. In den Augen seiner Anhänger werden ihn die schiefen historischen Bilder kaum blamieren.

Allerdings folgen republikanische Wähler der Regierung nicht immer blindlings. Das zeigte der öffentliche Aufruhr über die später zurückgenommene Trennung der Kinder illegal Eingereister von ihren Eltern. Trotz der schrillen Rhetorik in der Ära Trump war auch unter Republikanern offensichtlich noch genügend Empathie vorhanden, um die erzwungenen Familientrennungen an der Grenze als unmenschlich abzulehnen. Das Wegnehmen von Kindern gilt in der amerikanischen Populärkultur bekanntlich als eines der schlimmsten Vergehen überhaupt und bietet Stoff für Rachefantasien filmischer Art. Auch der von Justizminister Jeff Sessions bemühte Verweis auf Paulus' Römerbrief 13 ("Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.") konnte in diesem Fall nicht verfangen.

Es bleibt abzuwarten, welche historischen Bilder Trump & Co. noch produzieren werden.